Igor Schestkow - "Das Grauen in der verlassenen Fabrik"

Igor Schestkow

 

 

DAS GRAUEN IN DER VERLASSENEN FABRIK

 

DER DÄMON

 

Es blitzte nicht, es donnerte nicht, es stank auch nicht nach Schwefel.

Völlig unprätentiös kam er daher, so selbstverständlich trat er auf, dass seine Art nachgerade unhöflich gewesen wäre, wenn ich nicht monatelang in den alten Folianten der Bibliothek gewühlt, nicht mit heißem Herzen nach dem richtigen Zauberspruch gesucht, nicht immer und immer wieder auswendig die lateinischen Beschwörungsformeln heruntergebetet und Pentagramme gezeichnet - mit anderen Worten: ihn herbeigesehnt hätte.

In Gedanken.

Genauer gesagt, ihm Zeichen gegeben hätte.

Zeichen, gleichsam als Gegenentwurf zu den Betonwänden des Fußgängertunnels , zu den regelmäßig wiederkehrenden Alpträumen und dem apokalyptischen Tanz der Scheinwerfer am Alexanderplatz, der mich an den "Zaubertrank der Vorväter" und "Le sacre du Printemps" erinnerte.

Ich rief ihn in einem Moment völliger Verzweiflung herbei, obwohl ich sehr gut wusste, dass es unmöglich wäre, mich mit ihm zu messen.

Und doch versuchte ich hartnäckig herauszubekommen, wie man das macht.

Er ließ sich Zeit.

Noch gestern hatte ich nach ihm gerufen, aber er kam sich erst heute, am 31. Oktober. Er hielt sich also, wenn man so sagen möchte, an seine eigenen Regeln.

Als ich gegen halb Elf aus meiner winzigen Bibliothek schlüpfte, war er nicht da, Hand aufs Herz. Als ich aber nach etwa einer Viertelstunde wieder hineinging, stand er vor meinem Schreibtisch und blätterte mit seinen hässlichen Klauen eine Sammlung von Bildern meines Lieblingskünstlers durch.

Er grüßte nicht, sondern nickte nur mit dem Kopf, der fast ganz in einer Kapuze verschwand. Dabei hätte er beinahe das Kohlenbecken voll roter Glut fallen lassen, das er auf dem Kopf trug. Er reckte seine lange Nase hoch, knarzte mit seinen Polyethylen-Flügeln und seinem rundlichen Blechbauch, zwinkerte aus scheelen Augen, rückte den Zwicker zurecht und pochte mit seinem schwarz behaarten Finger auf eine der Reproduktionen. Dabei stach er mit seiner krummen, schwarzen Kralle ein Loch ins Papier.

Auch wenn er nicht in dieser Gestalt erschienen wäre, so hätte ich doch gewusst, dass er sich in diesem Aufzug zeigen konnte. Wie gut ich den kannte, wie viel Zeit ich neben dem Original in der Gemäldegalerie verbracht hatte...

"Vielleicht wären Sie bitte so freundlich, das Kohlenbecken vom Kopf zu nehmen? Außerdem würde ich es begrüßen, wenn Sie den Pfeil aus Ihrem Bauch herausziehen könnten, Sie hinterlassen sonst noch Blutflecken auf dem teuren Teppich, von dem zumindest der Verkäufer behauptet hat, es sei ein Perser."

"Ich bitte höflichst, sich nicht aufzuregen. Um Ihre Habseligkeiten brauchen Sie keine Angst zu haben. Mein Körper besteht, wie Sie gewiss begreifen werden, nicht aus einer in Ihrem Lebenskreis bekannten Materie. Außerdem ist Ihr Perser nicht echt. Das ist einfach irgendein Teppich."

"Aus welchem Stoff bestehen Sie denn? Aus dunkler Materie etwa?"

"So ungefähr. Genauer, aus einer besonderen, chtonischen Substanz, wie es Ihre Magister ausdrücken würden."

"Magister? Sind das die, die einem im gelben Häuschen Einläufe verpassen?"

"Genau die."

Während er sprach, zuckte sein dicker, mit Blasen besetzter Schwanz, der malerisch in voller Länge auf besagtem Teppich lag und aussah wie ein riesiger Rettich, der ein vom Willen des Besitzers unabhängiges Eigenleben führte.

Er trat als Unhold auf, wie er der Phantasie von Hieronymus Bosch entsprungen sein konnte. Erst später verstand ich, dass es sich dabei weder um ein Zugeständnis an meine Erwartungen noch um eine Form der Anbiederung handelte, sondern um ein originelles Geschenk. Mit seiner Aufmachung schien er sagen zu wollen: "Ja, schau nur, da steht genau der, den du nicht erst gestern Abend, sondern schon seit Langem gerufen hast. Ich bin die Antwort auf all deine Fragen. Deine letzte Hoffnung. Dass du es nur weißt: Ich habe diese Gestalt allein für dich angenommen, weil ich mir über deine Befindlichkeit völlig im Klaren bin. Du hast dir uns gegenüber, wie soll ich es sagen, gewisse Verdienste erworben. Du bist keiner von uns, das ist klar. Es macht aber Spaß, sich mit einem Sterblichen abzugeben und mit ihm Schabernack zu treiben. Wobei da eigentlich nichts Lustiges dabei ist, nein... Im Gegenteil, es ist mir eine große Ehre."

Ich fragte ihn nach dem Stand seiner Russischkenntnisse. Die Antwort erstaunte mich nicht:

"Versuchen Sie etwa, Zeit zu schinden? Das können Sie sich getrost sparen. Ich verlange nichts von Ihnen, Gott bewahre! Nichts - außer dem, was Sie mir selber gerne geben möchten, denn es fällt Ihnen offensichtlich schwer, die Last Ihres Daseins zu tragen. Schließlich haben Sie mich aus freien Stücken gerufen, dessen sind Sie sich ja wohl bewusst. Mir ist es vollkommen einerlei, in welcher Sprache wir uns unterhalten. Jedes beliebige menschliche Idiom steht mir zur Verfügung, und jeder beliebige Gesprächspartner vermag meine Worte simultan zu erfassen, wie man das bei Ihnen wohl auszudrücken pflegt. In unserer Übersetzungsabteilung beschäftigen wir nur hochkarätige Spezialisten, Hyänen zum Beispiel und Krokodile. Da könnten Sie vor Neid erblassen. Zerbrechen Sie sich also nicht den Kopf über die richtige Formulierung. Versuchen Sie nicht, irgendetwas vor mir zu verheimlichen oder mit hochtrabendem Geschwurbel zu übertünchen. Nicht der entlegenste Hintergedanke bleibt mir verborgen, nicht das kleinste Fitzelchen von Ihren Gefühlen, Neigungen oder Gelüsten. Natürlich auch nichts, verstehen Sie mich recht, was ungesagt bleibt oder Ihnen vielleicht gar nicht bewusst ist. Jaja, sie können mir Kopf oder Arm ausreißen, Sie stehen trotzdem splitternackt und durchsichtig vor mir. Ich sehe Ihre Knochen, jedes Kristall Ihrer Körpersalze, jedes Blutplättchen in Ihren Adern, jedes noch so kleine Gallensteinchen. Übrigens müssen Sie sich schleunigst Gedanken über Ihren Gesundheitszustand machen und sich möglichst bald einen neuen Körper aussuchen. Morgen könnte es dafür zu spät sein. Ich kenne Ihre geheimsten Absichten, auch solche, über die Sie noch nie mit einem Menschen gesprochen, die Sie noch nicht einmal  Ihrem eignen Tagebuch anvertraut haben. Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass sich in unserer Welt all diese - nennen wir es ruhig beim richtigen Namen - Bagatellen materialisieren und höchst kuriose Formen annehmen. Sie dürfen mir glauben, dass deren Anblick mir keinerlei Vergnügen bereitet. Alles belanglos und hohl! Sie sind, wie die anderen Erdlinge auch, ein durch und durch langweiliges Geschöpf. Selbst wenn Sie den Stein der Weisen gefunden hätten, wenn Sie eins mit Mutter Natur oder gar mit dem alten Rauschebart in den Wolken wären, Teil des großen Ganzen oder eines höheren Willens - völlig egal! Ihr funktioniert doch alle nach dem gleichen Muster, ihr seid bloß - wie ihr das selber nennt - ferngesteuerte Roboter. Ihr seid zutiefst banal - im Guten und sogar im Bösen. Alle aus dem gleichen Krüppelholz. Manche werden allerdings bei der Verteilung der Karten bevorzugt. Der Eine hat vielleicht ein As mehr auf der Hand, der andere sogar zwei oder drei, der Dritte kriegt nur das Kroppzeug.

 

"Ich möchte wetten, dass Ihr Blatt nicht viel besser ist als unseres. Was kann ich Ihnen denn als Gegenleistung für Ihre Dienste bieten, wenn Sie sowieso schon alles wissen, sehen und hören? Und wenn ich statt einer unsterblichen Seele nur ein vorgegebenes Programm in mir trage? Wenn mein Leben nicht  mehr bedeutet als eine Partie Skat? Meine Karten liegen auf dem Tisch. Warum geben Sie sich damit solche Mühe, zum Teufel noch einmal? Warum philosophieren Sie mit mir über dunkle Materie, wenn ich für Sie nichts als eine Nullnummer darstelle?"

"Jetzt muss ich aber schmunzeln. Anscheinend haben Sie den Joker vergessen. Darin besteht doch Ihr besonderes Kapital. Außerdem sollten Sie über die eigene Nasenspitze hinausschauen und sich vorstellen, dass ich Ihnen vielleicht etwas beibringen, Ihnen Wege zu den Schattenseiten Ihrer werten Persönlichkeit zeigen könnte. Dass ich im Stande bin, Sie gleichfalls mit den Absichten dessen vertraut zu machen, der auf jener anderen Seite wohnt, den Sie stets mit "Monsignore" zu titulieren pflegen und den Sie mit Ihrem Starrsinn schon zur Weißglut brachten? Er sitzt mit Ihnen am Spieltisch. Ich bin nur sein Erfüllungsgehilfe... Allerdings sollten wir uns nicht mit Haarspaltereien aufhalten. Ich habe einen kleinen Vertrag vorbereitet, kurz und knapp. Lesen Sie ihn in aller Ruhe durch, halten Sie innere Einkehr, überdenken Sie das Ganze gründlich, und morgen Abend schreiten wir zur Unterzeichnung. Dann ist alles in trockenen Tüchern. Sie kehren in Ihre eigene Welt zurück und vergessen, was mein Vorteil dabei sein könnte. Und übrigens: Seien Sie doch bitte so gut und verlangen Sie diese alberne Maskerade nicht mehr von mir. Mit dem Horn, dem Huf und dem Schandmaul könnte ich mich ja gerade noch abfinden, wenn das für Sie von staatstragender Bedeutung ist. Selbstverständlich verfügen wir in reichem Maß über die verschiedensten Requisiten. Wenn es sein muss, kann ich auch als schwarzer Pudel angehüpft kommen, wie Herr Goethe sich das vorzustellen beliebte. Oder als Herr der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse... Gerne auch als Nilpferd. Ach, das gefällt Ihnen nicht? Nun gut, Spaß bei Seite. Wir haben uns lange genug mit diesem Plunder herumgequält, ab damit in die Mottenkiste. Das hat sich Ihr Maler Klecksel ausgedacht, man könnte meinen, speziell für Sie. Die Hofschranzen hatten die Requisiteure zu bestellen, dafür wurden Sie bezahlt. Machen Sie sich frei von diesem Zauber, diesem alten Schrott. Und was ist mit dem Geklapper am Bauch, diesem elend heißen Kohlenbecken auf dem Kopf und dem Pfeil, der so elend juckt?"

"Treten Sie es in die Tonne."

Schon verwandelte er sich in einen etwas kurz geratenen, sonnengebräunten Marlboro-Typen mit Jeans und Trapperhemd. Auf dem Kopf trug er jetzt einen Cowboyhut, an dem eine prächtige Hahnenfeder prangte. Wie lächerlich das aussah! Welche Art von Hilfe sollte ich denn von diesem schäbigen Teufelsdarsteller erwarten?

Er schien meine Gedanken zu erraten. Seine Miene verfinsterte sich, er deutete zum Abschied nur ein leichtes Kopfnicken an und verschwand, als hätte er sich in Luft aufgelöst.

Nun hätte ich ihn zurückrufen und ihm wegen seiner ungehobelten Manieren Vorhaltungen machen können, aber ich wollte mich auf keinen Streit einlassen und war auch gar nicht sicher, ob ich mich dabei wohlgefühlt hätte.  

Allerdings lag da noch ein kleines Stück Pergament vor mir auf dem Tisch. Er hatte es mit seiner eigenen Klaue bekritzelt. Es versprühte blaue Fünkchen. Dieses Schlitzohr kam nun einmal nicht ohne irgendwelche billigen Taschenspielertricks aus.  

Ich überflog den Text, der aus dem "Hexenhammer" hätte stammen können. Der Inhalt war allerdings sonnenklar. Nun gut, das musste ich jetzt wohl unterschreiben. Und zwar mit Blut.

 

DAS GRAUEN IN DER VERLASSENEN FABRIK

 

All des begann vor etwa zwanzig Jahren. Die Lähmung nach der Emigration nagte nicht mehr an mir, ich konnte meiner Lage sogar durchaus positive Seiten abgewinnen. Allerdings quälte mich die oft beschriebene Persönlichkeitsspaltung, die zur Heimstätte von Neurotikern wurde. So sehr ich auch versuchte, den Körper mit der Seele in Einklang zu bringen, so kläglich scheiterte ich damit. Mal einen Meter, mal einen Kilometer von meinem Körper entfernt schwebte sie dahin, gerne auch in einem anderen Land oder auf einem anderen Kontinent. Doch so sehr mich das quälte, meine verlassene Moskauer Heimat und mein dort immer noch herumgeisternder Doppelgänger hörten ganz allmählich auf, mich zurückzulocken und mir im Traum zu erscheinen. Die Vergangenheit suchte mich nicht mehr heim, sie blieb zurück wie ein Läufer, der sich mit einem fahrenden Zug messen will. Erst rennt er mit voller Kraft auf dem Weg neben den Bahngleisen dahin, doch dann gibt er den Kampf auf, verliert an Tempo und ist bald hinter den vorüberhuschenden, dicht bewaldeten Hügeln verschwunden, so dass es fraglich erscheint, ob es ihn überhaupt je gegeben hat.

Damals kam es in der stillgelegten Papierfabrik zu einer schicksalhaften, völlig unerwarteten Begegnung mit einem fremden Wesen, eine Begegnung, die meine Freundin in die Nichtexistenz schleuderte und mein bisheriges Leben in den Grundfesten erschütterte.

Sie fand an einem Ort statt, wo sich weder ich noch irgendein anderes beseeltes Wesen aus unserer Welt jemals aufhalten sollte. Unter keinen Umständen. Ausgerechnet ich musste dort mein Unwesen treiben, noch dazu in Begleitung.

Alleine hätte ich ruhig leben können - und so kam es ja auch.

Aber ich musste dahin, volle Kraft voraus ins eigene Verderben.

Mit meiner Damaligen, der armen Rosi. Rosemarie Kim war eine gutherzige und umgängliche Dame, die John Lennons Frau ähnlich sah. Sie überredete mich, zum Schloss Grabstein zu fahren, obwohl es rings herum in üblem Ruf stand und sie das wusste. Ein verwunschener Ort.

Eines Sonntags fuhren wir los.

Es war schon merklich kälter geworden, aber die gelben und roten Herbstblätter wollten noch nicht fallen. Schön war es und kühl.

Ich hatte zuerst keine Lust mitzufahren, war antriebslos und schlapp, hatte die Flemm und verspürte keine Neigung, meine irgendwo in der Toskana lustwandelnde Seele in ihren diesseitigen Balg zurück zu zwingen. Meine Willenskraft zu sammeln. Mich anzuziehen. Ich fuhr nur mit, weil mir der Mumm fehlte, Rosi von ihrem Vorhaben abzubringen. Außerdem ging mir unsere halbtote Stadt auf den Geist.

Rosi fuhr ihren kleinen gelben Volkswagen mit Stolz und Vergnügen. Seit der Wiedervereinigung verdiente sie genug, um nicht nur das Auto, sondern auch eine Garage und sogar ein Häuschen im Grünen zu finanzieren. Es reichte obendrein für unzählige Urlaubsreisen rund um den Globus, auf die ich sie nie begleitete, und doch blieb noch genug übrig für Klamotten von Christian Dior, die sie in Paris kaufte. Ein Töchterchen von Flüchtlingen wurde ebenfalls großzügig unterstützt. Das Häuschen und das Auto waren zwar auf Kredit gekauft, aber ich selber hätte mir das niemals leisten können. Zwar hatte ich die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, blieb aber doch ein antriebsloser Schwächling. Außerdem fehlte mir ein klangvoller Name und jegliches Kapital. Aber hätte ich meine kostbare Lebenszeit mit solchen Nichtigkeiten verplempern sollen?

Wir mussten nicht lange fahren, vierzig Minuten vielleicht. Der Weg ging über die Dörfer.

 

Unterwegs freute sich Rosemarie lebhaft über die sächsische Herbstlandschaft, die wirklich sehr hübsch war, aber einen doch melancholisch stimmte. Etwas Wichtiges schien zu fehlen... Sie informierte mich über das Schloss, indem sie aus einem Reiseführer zitierte, den sie selbst zusammengestellt hatte.

Ich döste vor mich hin und freute mich im Stillen darüber, dass ich morgen nicht zur Arbeit musste, wo nur öde und sinnfreie Dinge auf mich gewartet hätten. Im Sommer war mein Vertrag mit dem Stadtmuseum ausgelaufen, und der nächste ließ noch ein halbes Jahr auf sich warten.

Nur mit Mühe bekam ich die Lider auseinander, als Rosi mich weckte, um mir wieder einen "malerischen Winkel unser sächsischen Heimat" zu zeigen oder eine alte Kate, die "wie eine Pagode" aussah, oder einen Baum, dessen "pures Herbstgold" sich im Wind bewegte.

Schließlich kamen wir an. Für das Auto fand sich ein Parkplatz in der Nähe des Schlosses. Den stundenlangen Spaziergang durch sein Inneres möchte ich nicht näher beschreiben. Es war einfach nur stinklangweilig. Immer das Gleiche: Lüster aus den Geweihen totgeschossener Hirsche, verstaubte Truhen, geschnitzte Kommoden, ein kümmerliches Altar-Triptychon, das aus einem vor fünf Jahrzehnten geschlossenen Kirchlein in der Umgebung stammte, ein paar jämmerliche Reliquien, die in silbernen Schreinen ihr Dasein fristeten, blaue oder grüne Kachelöfen, Rüstungen, Hellebarden, ein Portrait des Schlossherren mit seinen Jagdtrophäen, Gobelins und Fresken...

An den Außenmauern hängende Lokusse...

Stellen Sie sich vor, lieber Leser, Sie erledigen Ihr Geschäft und laufen dabei Gefahr, in den Abgrund zu stürzen, während sich Ihre Körperflüssigkeiten und Verdauungsendprodukte über die repräsentativen Außenwände Ihres heimatlichen Schlosses ergießen. Und was war mit den Bewohnern der unteren Etagen? Irgendwo habe ich gelesen, diese Ritterburgen hätten derartig gestunken, dass die Damen und Herren Schlossbesitzer es nach einem Jahr nicht mehr darin aushalten konnten, in das nächste Schloss umgezogen seien, dann in das dritte, während die Bediensteten jahrelang damit zu tun hatten, die Wände zu schrubben und Exkremente abzukratzen. Das hatten sich die Grafen und Barone fein ausgedacht.

Während wir so durch das Schloss schlenderten, musste ich an den sagenhaften Fluch denken. Nicht dass ich etwas Böses gesehen oder gespürt hätte. Nur war alles so schäbig, dass man den Eindruck bekam, als habe das Schloss öfter den Eigentümer gewechselt und sei vor der Übergabe an die neuen Herren aufs Penibelste all dessen entkleidet worden, was irgend von Wert gewesen wäre.

Rosi glühte vor Begeisterung und schlüpfte in das Bett des früheren Grafen, als die Führerin gerade hinausgegangen war. Meine Freundin war von kleinem Wuchs, doch sogar für sie erwies sich das auf pompös getrimmte, holzgeschnitzte Bett als zu kurz. Die Ritter müssen Liliputaner gewesen sein.  

Ich empfand es danach als Erleichterung, endlich wieder an die frische Luft hinaustreten zu dürfen, wollte mich irgendwo hinsetzen und einen Kaffee trinken. Auf dem kleinen Schlosshof gab es ein Mini-Restaurant, wo Bier und Wildschweinfleisch verkauft wurde, das man an Ort und Stelle auf einem wuchtigen Grill zubereite. Das besorgten zwei Schauspieler in mittelalterlichen Pagengewändern, die aus hochgeschlossenen Trikots mit Streifen und grausigen Jacken mit typischen Ausschnitten bestanden. Die Pagen zückten immer wieder ihre stattlichen Schwerter, die aus einem Theaterfundus zu stammen schienen, warfen mit schlüpfrigen Sprüchen um sich und neckten die Touristen. Offenbar waren sie der Überzeugung, dass sie ihrer Darstellung auf diese Weise mehr Authentizität verleihen konnten. Daneben vollführten einige Gaukler einen Schellentanz, und eine üppige, blonde Schönheit in rosafarbenem Kostüm schlug die Laute.

Rosi bestellte ein Stück Butterkuchen mit Schlagsahne und Kaffee, während ich in aller Bescheidenheit die ein oder andere Maß dunklen Radlerbieres zu mir nahm. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Zum Wildschwein wurden gedünstete Mohrrüben und Sellerie gereicht. Das Fleisch schmeckte gut, war aber ein wenig zäh und hinterließ seine Fasern zwischen den Zähnen. Wegen des mittelalterlichen Ambientes knöpften sie uns das Doppelte des angemessenen Preises ab. Trotz Lautenspiel und Schellenklang dusselte ich wieder ein. Aber das konnte mir Rosi natürlich keineswegs durchgehen lassen. Sie scheuchte mich auf zu einem Spaziergang durch die Umgebung.

Wären wir nach dem Essen heimgefahren, dann hätte unser Schicksal - ihres wie meines - eine andere Wendung genommen. Aber wer weiß, vielleicht wären wir bei einem Autounfall ums Leben gekommen oder daheim an Darmverschlingungen gestorben. Rosi hatte nämlich am Vorabend eine Nusstorte gebacken, die von Fett nur so triefte.

Mit ihrer kleinen, analogen Kompaktkamera wollte Rosi unbedingt eine gute Aufnahme des Schlosses für ein auflagenschwaches ökologisches Käseblättchen machen, das die sieche Ortsgruppe von Bündnis 90 / Die Grünen herausgab. "Ich will, dass Licht und Schatten stimmen, dass Wasser, Mauern, und Türme zu sehen sind, dass das Schloss sich vom strahlend blauen Himmel abhebt und einen glockenhellen Ton bekommt." Sprach's und zwinkerte mit ihren lustigen Schlitzäugelchen.

Nun wollte ein dafür angemessener Platz gefunden sein. Schnell wurde uns klar, dass man aus dem Obergeschoss der stillgelegten Papierfabrik am gegenüberliegenden Ufer des Flusses den besten Blick haben würde.

Ein Hängebrückchen bot sich zur Überquerung des Gewässers an. Dieses Brückchen schwankte heftig, als wollte es uns warnen, nur verstanden wir seine Botschaft leider nicht. Ich erzählte Rosi den alten Witz aus Sowjetzeiten, in dem es um die Frage geht, warum man eine Brücke besser längs als quer zum Fluss baut. Sie schüttete sich aus vor Lachen, alberte herum und freute sich des Lebens.

Ich lief hinter ihr und gab mir Mühe, nicht hinter mir selbst zurückzubleiben.

In das Fabrikgebäude hineinzukommen, war gar nicht leicht, denn ein hoher, stacheldrahtbewehrter Zaun versuchte, das zu verhindern. Aber wir fanden eine Lücke, die offenbar von Jugendlichen oder Obdachlosen hineingezwickt worden war, wobei auch Äxte im Spiel gewesen sein könnten. Jemand hatte im Eingangsbereich die prophetischen Worte hinterlassen: "Alles Scheiße! Ihr habt hier nichts zu suchen! Haut bloß ab!"

Daneben prangte das Bild eines dekadent in die Länge gestreckten Schädels, auf dem ein winziges Mäuschen mit einer Geige saß, an der es knabberte. In der Geige hockte noch jemand, von dem man nur ein Auge sah, das angewidert aus dem Schallloch in der Geigendecke lugte.

Wir betraten den dicht mit Buschwerk bewachsenen Hof der Fabrik, die anscheinend gleich nach dem Krieg stillgelegt worden war. Mir fielen einige nicht ausgebesserte Einschusslöcher von Granaten auf. Aus den Sprüngen im verwitternden Asphalt wuchsen hohe Bäume. Einige Birken waren unverschämt genug, sich im Dach festzukrallen, das schwer unter Wind und Wetter gelitten hatte. An den Wänden blätterte der Putz. Daran hingen Schilder mit Aufschriften wie:

"Zutritt in das Fabrikgebäude polizeilich verboten. Eltern haften für ihre Kinder!"

"Dieses Gebäude steht unter staatlichem Denkmalschutz."

"Betreten  verboten! Lebensgefahr!"

Ich spürte die Anwesenheit von etwas Аußergewöhnlichem, ungemein Mächtigem.

Wir hätten so schnell wie möglich verschwinden sollen, gingen aber trotzdem weiter. Das Jagdfieber des Schatzsuchers hatte mich gepackt.

"Sag mal, Rosi, hast du nicht selber erzählt, im Schloss sein ein Schatz gefunden worden? Der frühere Besitzer soll einen Sack voll Gold, dazu Gemälde, Statuen und edles Porzellan versteckt haben, bevor er vor den Russen türmen musste. Hat seine Schätze eingemauert, der Schlauberger. Wahrscheinlich hat ihm auch diese Fabrik gehört. Vielleicht ist hier noch ein zweiter Schwung Kostbarkeiten versteckt? Wertpapiere, Silber, Platin? Die Verantwortlichen wissen wahrscheinlich, dass die Fabrik eine Schatzkiste aus Backstein ist, haben sie deswegen bis heute nicht abgerissen und einen Zaun drumherum gebaut. Die haben Angst, dass illegale Schatzgräber das Zeug finden und heimlich beiseite schaffen. Oder dass die ehemaligen  Eigentümer alles ausgraben und der Freistaat Sachsen keinen Pfennig davon zu sehen bekommt."

"Der Schatz aus dem Schloss wurde nach der Wiedervereinigung den Erben zugesprochen, obwohl die lokalen Würdenträger dagegen nach Kräften Widerstand leisteten und prozessierten. Wenn es also einen zweiten  Schatz gegeben hätte, wäre der schon längst gehoben worden. Schau nur, dort hat jemand eines dieser dicken Bretter aufgehebelt..."

Wir zwängten uns durch die Öffnung.

Wieder spürte ich keine Angst, nicht einmal Bedenken, wohl aber das aufregende Gefühl, hier gebe es etwas Gewaltiges, das vor Energie nur so strotzte und vielleicht einer anderen Welt entstammte. Ich nahm eine Welle von Kraft war, meine Schläfrigkeit verschwand... Ich hätte tanzen können und sauste wie ein junger Esel in der riesigen, leeren Werkshalle hin und her. Sie war in helles Licht getaucht, das aus einem guten Dutzend großflächiger Doppelfenster hereinfiel, die in die Wände eingelassen waren. Ich tanzte herum und suchte mit den Augen nach einem Schatz, was natürlich mehr als töricht war.

In der Mitte der Werkshalle stand eine Reihe von dünnen Metallpfosten, die leicht gebogene eiserne Balken in Schienenform trugen. Die gewölbte Decke ließ an das Innere einer Pralinenschachtel denken. Die Halle machte einen soliden Eindruck. Man konnte das Wirken kluger Ingenieure und Architekten erkennen, die hier eine effektive Produktionsstätte geschaffen hatten. Natürlich war kein Schatz zu entdecken, aber ich sah eine riesenhafte Waage, einige verrostete Podeste auf Rädern und eine Wanne von kolossalen Ausmaßen.

Außerdem stellte ich fest, dass auch meine Freundin eigenartig entrückt wirkte und sich seltsam benahm. Rosi hüpfte mit ihren 45 Jahren durch den Saal wie ein junges Zicklein. Dabei trällerte sie mit ihrer Kontra-Alt-Stimme ein koreanisches Lied. Nie zuvor hatte ich sie in ihrer Muttersprache singen hören. Mit einem Mal ging sie in die Hocke, ihr Gesicht leuchtete, und sie hielt wie ein Buddha die Hände mit den Handflächen nach oben vor die Brust.

Mit wenigen Schritten war ich bei ihr und klopfte ihr zärtlich auf die Schultern. Bald hatten wir eine Treppe entdeckt und stiegen hoch. Zwischen den Stufen klafften grausige Spalten...

Im ersten Stock sah die Werkshalle genauso aus wie unten. Wir kletterten ins Obergeschoss hinauf, wo es nicht anders war: Fenster, Licht, Leere.

Mit dem Unterschied, dass sich der Eindruck verstärkte, etwas Fremdes, Schauderhaftes von überirdischer Kraft treibe hier sein Unwesen. Wenige Augenblicke später erwies sich dieses Gefühl schon als unerträglich. In den Ohren krachten elektrische Entladungen, und vor unseren Augen flogen bläulich-rote Kugelblitze durch hohe gotische Gewölbe. Wie aus dem Nichts heraus erschien eine schwankende Konstruktion, die aus einer belebten Silberlegierung zu bestehen schien und entfernt an biomechanische Skulpturen aus den Sechzigerjahren erinnerte. Rosi zitterte und fing an zu wimmern, ich versteinerte innerlich.

Kurz darauf zerplatzte diese Konstruktion mit hellem Knall. Rosi verließ wie hypnotisiert die Treppe und passierte schon nach wenigen Schritten eine unsichtbare Grenze, wonach sie sich im Einflussbereich dieses grauenhaften Unwesens befand, das ihren Körper in den Fleischwolf zerrte.

Eine unglaubliche Kraft erfasste sie und ließ sie in der Luft schweben. Kleidung und Schuhe flogen fort und zerstoben in einem Funkenregen, während die arme, nackte Rosi über die ganze Länge des Saales hinweg zu einem Würstchen gedehnt wurde, das sich gleich darauf in unglaublicher Geschwindigkeit zu  gallertartigen Knoten verschlang, dann aber fest wurde und als komplizierte mathematische Figur in der Luft hing, die aus verschiedenen miteinander verwobenen und pulsierenden Möbusbändern zu bestehen schien. Weitere Sekunden später platzte sie mit einem furchtbarem Donner.

Wieder tauchte die silbrige Konstruktion auf, bis gleich darauf alles zerfiel.

Der lichtdurchflutete Saal der ehemaligen Papierfabrik war leer.

In der Luft hing der Geruch von Elektromotoren.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen verfiel ich in eine Euphorie wie nach einem besonders starken Orgasmus. Meine aus allen Fugen geratenen Sinne und meine durcheinander taumelnden Gefühle fanden nicht in die Realität zurück.

Gegen einen plötzlichen Anfall von Übelkeit ankämpfend taumelte ich in Richtung Treppe und setzte mich auf den steinernen Boden. Meine Freundin war nirgends mehr zu sehen. Das wurde mir da aber noch nicht bewusst, weshalb ich ihretwegen keine Trauer empfand.

…             

Natürlich versuchte ich zu verstehen, was da vorging, aber das war unmöglich. Noch nie konnte ich mich für Mystik oder wissenschaftliche Phantasterei begeistern, habe mir aber einige künstlerische oder dokumentarische Filme dieses Genres angesehen. Deshalb vermutete ich, das ich mich nicht in der Werkshalle einer ehemaligen Papierfabrik befand, sondern im Inneren eines unbekannten Wesens magischer Provenienz. Eines kosmischen Desintegrators von Materie? Eines Portals für intergalaktische Verknüpfungen? Oder ganz einfach - an den Pforten der Hölle?

Aber so war das leider nicht. Das kann ich mit Sicherheit sagen, denn in den folgenden zwanzig Jahren habe ich noch sehr viel dergleichen erlebt. Dieser Saal war nichts, das man mit den Kategorien menschlicher Phantasieprodukte beschreiben kann. Er war und blieb etwas ganz und gar Undefinierbares und Unfassliches. Etwas, von dem wir in der Kindheit eine schwache Ahnung bekommen. Da schimmern uns doch manchmal durch die Banalität des Alltags hindurch seltsam silbrige Konturen der gleichen sagenhaften Konstruktion entgegen, so dass wir ihre Anwesenheit spüren.

In reiferen Jahren verlieren wir die Fähigkeit, übernatürliche Dinge zu sehen und zu fühlen. Und das empfinden wir nicht einmal als Verlust, als schmerzliche Abwesenheit von etwas, das vielleicht sogar die Essenz des Lebens darstellt, ohne die unser Dasein zur traurigen Parodie seiner selbst degeneriert.

  

Das Letzte, was ich in der zweiten Etage wahrnahm, war die holografische Darstellung einer nackten Frau, die unvermittelt an der Wand zwischen den zwei Fenstern auftauchte, die mir am nächsten lagen. Woher sie wohl stammte?

Das Bild war groß, etwa zweieinhalb Meter hoch, und zeigte eine Frau, die Rosi ähnlich sah. Aber sie war es nicht. Eine schreckliche Maske bedeckte ihr Gesicht und verwandelte diese nackte Gestalt in ein Ungeheuer. Noch Jahre nach den Ereignissen in der Fabrik suchte mich dieses Bild heim. Es tauchte mal hier auf, mal da. Mir war nicht klar, was diese Frau darstellte und was sie für mich bedeutete. Handelte es sich um eine Strafe, eine Mahnung, ein Signal?

Dann und wann sehe ich sie sogar noch heute. Die holografische "Rosi" schaut mich aus fremden Fenstern an, von Reklamewänden, auf Hausfassaden, in Kellern und Fußgängerunterführungen, sogar in Kirchengewölben und auf dem Computerbildschirm.

Ich ging aus der Fabrik hinaus, schlüpfte durch das Loch im Zaun und eilte zum verwaisten Volkswagen. Jetzt wäre es richtig gewesen, die Polizei anzurufen, sich zu erkennen zu geben und den Hergang ganz nüchtern darzustellen. Damals besaß ich noch kein Handy, doch beim Parkplatz stand eine Telefonzelle.

Den Hergang ganz nüchtern darstellen?

Wer sollte mir denn Glauben schenken? Wenn ich auf meiner Darstellung beharrt hätte, säße ich jetzt wohl bis ans Ende meiner Tage im Tollhaus.

Meine Handlungsweise war wohl als feige zu bezeichnen, erwies sich aber im Nachhinein als richtig.

Ich fuhr zu Rosis Haus, öffnete die Garagentür und stellte den Wagen ab. Von dort ging ich ins Innere des Hauses und verließ es durch den Eingang. Bei dieser Gelegenheit knipste ich das Licht in der Küche, im Schlafzimmer und im Korridor an. Außerdem stopfte ich mir zwei Stück Nusstorte in den Mund.

Dann fuhr ich im Stadtbus nach Hause. Nachts verbrannte ich meine Kleider vom Sonntag in einer Zinkwanne, rasierte mir Bart und Kopf, schnitt mir die Nägel und wusch mich gründlich. Zwei Tage darauf erstattete ich bei der Polizei eine Vermisstenanzeige für Rosi. Davor war ich allerdings noch zweimal  zu ihr nach Hause gefahren. Beide Male ging ich hinein, verweilte dort einige Minuten und trank zwei Tassen Kaffe.

Bei der polizeilichen Vernehmung gab ich an, Rosi das letzte Mal nach der Rückkehr von unserem sonntäglichen Ausflug zur Burg Grabstein bei ihr zu Hause gesehen zu haben, und zwar am Sonntag. Ja, das Auto hätte ich selbst nach Hause gefahren, sie ins Haus begleitet und sei dann gegangen. Von da lief ich zum Autobus, der gerade kam. Stimmt, sie beantwortet keine Telefonanrufe. Jaja, ich habe den Schlüssel zu ihrem Haus, ich bin auch zu ihr gefahren, habe sie aber nicht angetroffen. Nein, es hatte keinen Streit mit der verschwunden Frau Kim gegeben. Ja, wir hatten eine intime Beziehung, aber keinen Trauschein und auch keine finanziellen Verflechtungen. Wir waren ein Paar, nichts weiter, und lebten jeder für sich. Nein, so weit ich wusste, hatte Frau Kim keine Kinder. Ihre Eltern waren gestorben. Ja, sie arbeitete allein in ihrem Büro, ohne Sekretärin. Nein, ich hatte keinen Kontakt zu ihrem Arbeitgeber im Bundestag, aber ich denke, wenn Frau Kim auf einer Dienstreise wäre, hätte sie angerufen. Nein ich denke nicht, dass Rosi irgendwelche Medikamente oder Drogen nimmt. Jawohl, das Haus und der Volkswagen gehören ihr, von irgendwelchen Wertpapieren weiß ich nichts. Stimmt, ich habe kein eigenes Auto, nur ein Fahrrad, das ich aber schon länger nicht benutze. Natürlich bin ich bereit, den Hausschlüssel der Polizei zu übergeben.

 

Einer der Ermittler, seinen Namen habe ich vergessen, sagte, als wir uns allein im Zimmer befanden: "Ich glaube kein Wort von deiner Geschichte. Für dich spricht nur, dass das Geld, die Aktien und der Schmuck von Frau Kim noch an Ort und Stelle sind. Schon beim geringsten Anzeichen für deine Schuld setzen wir dich wegen Mordes hinter Gitter."  

Da bekam ich Lust, ein wenig mit ihm zu spielen.

"Kann schon sein, dass Sie mir ein Motiv unterstellen. Zwischen Frau Kim und mir gab es keine große Liebe, aber auch keine Meinungsverschiedenheiten. Außer vielleicht, dass sie zum Frühstück ganz wild auf Leberwurst war, wissen Sie. Leberwurst kann ich aber nicht ausstehen. Doch warum hätte ich sie umbringen sollen? Wegen der Leberwurst? Glauben Sie mir, auch wenn ich aus Russland stamme, bin ich doch ein halbwegs normaler Mensch. Seelische Abgründe gibt es bei mir nicht, ich habe auch keine Leichen im Keller. Lügen kann ich nicht, da wackelt mir die Nase."

Der Bulle zeigte mit schwerem Finger auf mich und wiederholte: "Ich glaube kein Wort von dem, was du da erzählst. Du bist ein Psychopath und ich traue dir zu, dass du sie ohne Grund umgebracht hast. Das fühle ich ganz genau. Du hast sie einfach so umgebracht. Weil es dir Spaß gemacht hat. Weiß der Teufel, warum. Du bist Kunstsachverständiger? Aber mich führst du nicht an der Nase herum. Wir werden jede Kleinigkeit dreimal umdrehen. Wir haben auch schon etwas gefunden, was gegen dich spricht, aber zur Anklage reicht es noch nicht ganz."

"Darf ich fragen, von was Sie reden? Oder ist das geheim?"

"Warum soll das geheim sein? Wir haben vor dir keine Geheimnisse. Eine Nachbarin hat gesehen, wie das Auto in die Garage gefahren ist. Darin saßest aber - du allein. Sie hat dich anhand einer Fotografie erkannt. Wo hast du die Leiche versteckt?"

"Vielleicht hat sich Rosi vorgebeugt und die Nachbarin konnte sie nicht sehen?"

"Erzähl keine Märchen. Hier ist die Verfügung, dass du nur unter Auflagen freikommst. Unterschreib das und mach die Fliege."

Zu einem Prozess kam es nie. Trotzdem blieb die "Begegnung" in der Papierfabrik für mich nicht ohne Folgen.

In den ersten Monaten danach fehlte mir Rosi sehr. Sie hatte Ordnung in mein Leben gebracht und mir viel Freude bereitet. Nun war mein psychisches Gleichgewicht dahin und ich begann, mich selbst zu zerstören. Ich schnupfte wieder Kokain... Doch von diesem Laster konnte ich mich selbst befreien.

Noch etwa zehnmal wurde ich polizeilich vorgeladen. Einer dieser Bullen erzählte der Presse von Rosis Verschwinden, und die örtliche Klatschpostille brachte ein Foto von ihr. Und von mir. Mehr als einmal musste ich mir unverschämte Zeitungsfritzen vom Leib halten, die schrien: "Warum haben Sie Ihre Geliebte getötet? Wo haben Sie die Leiche versteckt?" Die Leute in der Stadt fingen an zu tuscheln. Mehrere Frauen aus meinem Bekanntenkreis nahmen den Hörer nicht mehr ab, wenn ich anrief und grüßten mich nicht mehr. Männer begegneten mir wie einem gefährlichen Psychopathen, was sie übrigens nicht daran hinderte, mit sich mit mir zu duzen. Der Referent aus dem Stadtmuseum rief an und erklärte mir, mein Vertrag würde nicht verlängert. Manche Künstler widerriefen in schriftlicher Form ihre Einladung zu einer Vernissage.

Schlussendlich erklärte mir der gleiche griesgrämige Ermittler offiziell, die Untersuchung sei hiermit abgeschlossen. Dann aber fügte er hinzu: "Meine Einstellung zu dir hat sich nicht geändert. Warte nur ab, eines Tages finden wir die Leiche. Oder du bringst noch jemanden um. Das weisen wir dir nach und du landest hinter Gittern. Dann kannst du im Knast verfaulen."

Ich erklärte ihm, zum gegenwärtigen Zeitpunkt hegte ich keinerlei Absicht, jemanden umzubringen, aber wenn ich noch einmal einer Dame begegnen sollte, die gerne Leberwurst isst, könnte ich natürlich für nichts garantieren.

Der Blick des Bullen war derart vernichtend, dass ich nun doch lieber Mund hielt und mich schleunigst aus diesem freudlosen Polizeigebäude entfernte, vor dessen Fassade übrigens eine deutsche Kopie der Sowjet-Skulptur "Arbeiter und Kolchosbäuerin" prangte.

Im Grunde meines Herzens war mir allerdings nicht nach Späßen zumute. Dabei quälte mich nicht nur der Verlust der Arbeitsstelle und das Verschwinden der Freundin, an die ich mich in den drei Jahren des Zusammenseins gewöhnt hatte wie an ein Kuschelkissen.

Der verfluchte "Desintegrator", wie ich der Einfachheit halber die silbrige Apparatur zu bezeichnen pflegte, die meine Freundin in der Fabrik umgebracht hatte, versengte mich mit seinen Strahlen und zeigte mir auf brutale Weise das, was dem Menschen sonst - zu seinem eigenen Wohl! - verborgen bleibt.

Ich sah und hörte merkwürdige, schaurige Dinge und lernte, hin und wieder die Realitätsebenen zu wechseln. Mein Leben bestand nicht mehr aus einer linearen Abfolge von Minuten und Stunden, es schleuderte mich vielmehr ständig in andere Aggregatzustände der Wirklichkeit, die zu unbekannten Weltsystemen gehörten. Mein Ich zerfaserte.

Während der Unterredungen mit dem feindlich gesonnenen Polizisten sah ich in voller Deutlichkeit einen kleinen, roten Drachen, der ihm das Herz zernagte. Als er meine Aufmerksamkeit zu spüren begann, zwinkerte er mir mit seinen Eidechsenaugen zu.

Wenn ich einen REWE-Markt durch die gläsernen Schwingtüren betrat, fand ich mich nicht unbedingt zwischen Wasser- und Zuckermelonen, Salat und küchenfertigen Fleischgerichten wieder, sondern zwischen dunklen Sanddünen, auf denen unbekannte Lebewesen herumhuschten, deren Körper aus geometrisch exakten Rechtecken bestanden.

Suprematismus im Sand...

Manchmal wachte ich nachts nicht in meinem eigenen Bett auf, sondern stand neben einem Förderband, das eindeutig nicht von dieser Welt war. Es transportierte nackte Gliederpuppen aus einer gummiartigen Substanz zu mir, die an Schimären aus Menschen, Fröschen und Emus denken ließen. Meine Aufgabe bestand darin, sie zum Leben zu erwecken, indem ich ihnen die Hände auf den Kopf legte und spezielle Zaubersprüche aus dunklen Textfetzen von Rammstein murmelte.

Waren diese Wesen dann zum Leben erwacht, hüpften sie vom laufenden Förderband herunter und machten sich auf zur Tankstelle, um Kerosin zu trinken. Sie riefen mich zu sich, worauf ich ihnen mit meinem Froschkopf zunickte, meine völlig menschlichen Hände erhob und mich zu ihnen bewegte, indem ich eines meiner Straußenbeine vor das andere setzte.

Die mimosenhaft zarte Mandy verwandelte sich beim Geschlechtsverkehr in einen schaurig brüllenden Neandertaler männlichen Geschlechts, der mich zum fluchtartigen Verlassen des Schlafzimmers zwang, wobei ich vor Angst zitterte wie Espenlaub. Als ich mich nach einigen Minuten zurücktraute, fragte mich Mandy zuckersüß: "Warum hast du denn so kurz vor dem Orgasmus aufgehört, mein Schatz? Hast du noch ein paar Tröpfchen für mich übrig?"

 

DIE RELIQUIE

 

Nein, ich bin kein Scheusal. Neulich im Juni gelang es mir mit Hilfe der Telekinese, den Frontalzusammenstoß zweier Schnellzüge zu verhindern.

Ich saß auf einer Bank in meiner geliebten Apfelbaumallee und genoss den Anblick der blühenden Bäume. Da spürte ich ein Unglück nahen - und verstand, dass sich Sekunden später auf der etwa 400 Meter von hier entfernten Eisenbahnstrecke eine Katastrophe ereignen würde. Es gelang mir, beide Züge abzubremsen, den Rest besorgten die zu Tode erschrockenen Lokomotivführer selber. Sie hätten sehen sollen, liebe Leser, wie perplex sich die beiden aus den Nase an Nase stehenden Lokomotiven anschauten. Ich betrachtete dabei die Todesengel, die, ihrer Beute beraubt, im Kreis herumflogen wie ein Schwarm Geier, den ein hungriger Löwe vom Kadaver des Büffels verscheucht hat. Ich nahm mir Zeit, sie zu betrachten, wobei einer auf mich zuflog und dabei die Gestalt eines Papageis mit dunkelblauen Locken annahm. Ein paarmal flog er um meinen Kopf herum. Er wollte offenbar, dass ich die Hand ausstrecke, damit er sich auf meinen Zeigefinger setzen, mich hämisch angrinsen, mir ein paarmal mit dem Schnabel in die Hand hacken und mich anzischen konnte: "Das hast du nicht umsonst getan. Was bildest du dir ein? Rache ist süß! Warte nur, du wirst in der Pfanne schmoren und um Gnade winseln. Wir zahlen es dir heim, doppelt und dreifach, du... Scheusal!"

Er flog weg, wiederholte dabei aber seine Drohungen.

Dann verlor ich ihn aus dem Blickfeld, aber da, wo er verschwand, bildete sich eine Art dunkler Kreis am Himmel, der immer größer wurde und auf mich zukam. Bald hörte ich das wütende Gekrächze tausender Vögel, aus denen dieser Kreis bestand. Aber schon war es kein Kreis aus Vögeln mehr, sondern eine riesige Bratpfanne, die sich von Himmel herabsenkte. Meine Hände verschwanden, mein Körper zog sich in die Länge, und ich verwandelte mich in eine Natter, die versuchte, sich wegzuschlängeln. Aber jemand packte meinen Körper mit festem Griff und warf mich in die Pfanne, mitten hinein ins zischelnde Fett.

Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich mich quälen musste, jedenfalls erwachte ich auf einem Bahnsteig. Über das Gleis neben mir ratterte ein Güterzug mit Tankwagen. Zwanzig Zentimeter von mir entfernt jaulte und pfiff der Tod in voller Lautstärke: Wsschiii, wsschiii, wsschiii. Dabei versuchte er, mich zu sich hin zu ziehen.

Es gelang mir jedoch, mich vom Rand zu entfernen. Nun lief ich den Bahnsteig entlang und sah mich um. Alles war völlig menschenleer. Da stand eine längliche Baracke, deren eine Seite bis zum Dach mit Buschwerk zugewachsen war. Eine weitere Baracke war in die Erde eingesunken. Es gab Trümmer eines altertümlichen Turmes und eine etwa zweihundert Meter lange Elektroleitung mit Masten. Mein Herz krampfte sich zusammen. Man hatte mich doch nicht etwa nach Russland verfrachet? Das wäre noch schlimmer gewesen als die Bratpfanne... Ich las den Namen der Bahnstation - Rosenheim - und war erleichtert. Anscheinend hatte ich mich verguckt. Das von russischen Garnisonen in eine Müllkippe verwandelte Sachsen sah damals stellenweise noch aus wie meine Heimat, der ich den Rücken gekehrt hatte.

Ich wollte nachdenken, aber mein Gehirn befand sich noch nicht richtig im Arbeitsmodus. Mit Mühe erinnerte ich mich daran, dass es sich bei Rosenheim um die Kleinstadt handelte, in deren Nähe auf einem Felsen, hoch über dem Flüsschen Poldau, das Spukschloss Grabstein thronte und mit seinen Fenstern auf die Papierfabrik schaute. Hier war ich also nicht von ungefähr. Also beschloss ich, mich zum Schloss zu begeben.

Durch die Bahnhofsunterführung ging ich in die Stadt hinaus.

Es war eine Kleinstadt wie andere auch. Zweistöckige, saubere Häuser, ein Marktplatz, ein protziges  Rathaus, ein Kirchlein mit Glockenturm. Doch wo waren die Leute? Kein Mensch ließ sich auf der Straße blicken, alles war unbeleuchtet. Bevor ich ernsthaft darüber nachdenken konnte, stießen meine Augen auf ein Schild, das mit vielen Blinklichtern garniert war und ein lachendes Schwein zeigte mit der Aufschrift: "Metzgerei Müller". Drinnen erblickte ich jemanden mit weißem Kittel und lustigem Mützchen.

Ich trat ein, grüßte und genoss den angenehmen Geruch nach frischem Schinken. Der Metzger machte einen freundlichen Eindruck, zumindest war er sauber. Ich kaufte ein Brötchen mit Fleischwurst. Auf die Frage, was ich dazu haben wollte, entgegnete ich, dass weder Senf noch Ketchup nötig seien, weil das den Geschmack zudeckt. Er solle es bloß in eine Serviette einwickeln, ich würde es gleich auf dem Weg zum Schloss essen. Wie man denn von hieraus am besten dorthin käme?

Als der Metzger das Wort "Schloss" hörte, sah er auf einmal nicht mehr so freundlich aus. Sein Gesicht verzerrte sich und lief puterrot an.

"Was willst du denn da? Willst du etwa tanzen? Oder willst du etwas klauen, du Russe? Du solltest besser zur Papierfabrik gehen, da wartet man schon auf dich.

Weil ich keine Lust verspürte, ihm die Zusammenhänge zu erläutern, ging ich hinaus, wünschte ihm aber in Gedanken, er möge sich in ein Schwein verwandeln. Ich rief mir den Lageplan vor Augen, orientierte mich nach der Sonne und ging in Richtung Süden. Ganz bald tauchte im Dunst die Silhouette des Schlosses auf.

Hinter mir hörte ich aus dem Metzgerladen Schweinegrunzen und Quieken.

Auf dem Weg begegnete mir keine Menschenseele, ich sah aber einige Autos. Aus einem davon schaute Rosi zu mir herüber.

Das Eintrittsbillett erstand ich bei der mir schon bekannten Schlossführerin, die sich offenbar nach Leuten sehnte.

"Sie sind heute der erste Besucher. Das Restaurant ist wegen Reparaturarbeiten geschlossen, deswegen  kommt niemand. Wo ist denn Ihre Frau? Was für eine reizende Person. Ich erinnere mich an Sie beide. Schon damals habe ich mir gedacht, dass Sie wiederkommen würden. Aber du lieber Himmel, was rede ich denn? Entschuldigen Sie, ich weiß schon... Die Polizei war ja da, und in der Zeitung... Mich haben sie auch... Muss ich mich jetzt vor Ihnen fürchten?"

"Das steht ganz in Ihrem Belieben. Gestatten, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Anton Somna. Ich stamme aus Moskau und bereise die Unterwelten. Ich habe im Stadtmuseum gearbeitet, die Möbel von van de Velde in der Villa bewacht und Exkursionen geleitet. Ich bin also ein Kollege von Ihnen und kam, um Ihre Sammlung zu betrachten. Was in den Zeitungen steht, ist alles erstunken und erlogen. Frau Kim war nicht meine Ehefrau, ich habe ihr auch keine Brillanten gestohlen, sie nicht mit der Axt erschlagen, ihren Körper nicht zerstückelt und ihn auch nicht in einem stillgelegten Schacht im Erzgebirge vergraben, gleich neben dem Bernsteinzimmer. Nein, ich habe sie gegrillt und zum Abendessen verspeist. Und ich fühlte mich hierher gezogen, weil ich auf der Suche nach neuen Opfern bin."

"Ach, du lieber Himmel!"

"Bitte verzeihen Sie den unangebrachten Scherz, ich hatte ganz vergessen, dass die Sachsen lange unter sowjetischer Knute gelebt und deswegen den Sinn für Humor verloren haben. Ich kann Ihnen versichern, dass ich vollkommen harmlos bin - abgesehen von der Tatsache, dass ich euren Metzger in ein Schwein verwandelt habe."

"Das will ich Ihnen gerne glauben. Den musste man gar nicht verwandeln, der war immer schon eines. Und ich stamme übrigens nicht aus Sachsen, sondern bin nach der Wiedervereinigung hier zugezogen. Ich bin in einem kleinen Dorf im Norden aufgewachsen, bei Flensburg. Sie kennen sich mit unseren Dialekten noch nicht so gut aus, aber die Einheimischen hören das sofort. Ich heiße Anna. Anna Fleming."

"Sehr angenehm. Also gut, Frau Fleming, Ihr Faltblättchen habe ich ja schon gelesen. Nun raten Sie mir doch unter Kollegen, was ich mir besonders genau ansehen sollte."

Die Burgführerin freute sich, dass jemand ihrer Hilfe bedurfte. Sie schlug mir vor, mich durch das Schloss zu führen und "alles ganz genau zu erzählen". Mit höflichen Worten lehnte ich diese Ehre ab, denn ich ertrage es nicht, wenn mich jemand lenkt ("Schauen Sie bitte nach rechts, schauen Sie bitte nach links"), mir etwas erklärt und dabei seine eigene Meinung untermischt, mich mit unnötigen Details zuschüttet. Die Ärmste wurde ein wenig kleinlaut und fing an mir "mit eigenen Worten" Sachen zu erzählen, die ich schon wusste. Ich unterbrach sie nicht, hörte aber auch nicht zu, während sie sprach. Schlagartig erinnerte ich mich nämlich daran, dass eine "Begegnung" zustande kommen sollte, die ich nicht einzuordnen verstand (wie schon im Bahnhof von Rosenheim), dass ich mich vielleicht gar nicht im Schloss befand, sondern in einer Parallelwelt und dass die verführerische Frau Fleming gar nicht die war - gar nicht das war, was ich vor mir sah. Gleichsam zur Bestätigung meiner Vermutung tauchte plötzlich anstelle der Burgführerin der Fleischermeister aus dem Metzgerladen auf. Er trug eine blutbespritzte Lederschürze und hielt in der einen Hand ein Ferkel, in der anderen ein langes, schmales Messer. Damit stach er das Ferkel ab, leckte das Blut mit seiner lila Kuhzunge vom Messer und brüllte mit seiner rauen, tiefen Stimme: "Na, Russe, du wolltest doch tanzen. Dann fühle dich von mir aufgefordert!"

Er sprang auf mich zu, umarmte mich, verharrte einen Moment in dieser Pose und hüpfte dann in einem wilden Hoppgalopp mit mir herum wie mit einer Puppe. Doch im nächsten Moment war diese Vision zerstoben.

Die Burgführerin redete immer noch wie ein Wasserfall über die Exponate im Schloss. Ich stand neben ihr und tat so, als würde ich ihr aufmerksam zuhören.

Ihr Bericht endete mit den Worten: "Sie müssen sich unbedingt unsere berühmte Reliquie anschauen. Es  handelt sich um den Finger des heiligen Vito. Das seltene Stück kam schon im 12. Jhd. aus Frankreich nach Sachsen und wurde in verschiedenen Klöstern aufbewahrt. Der erste Besitzer dieses Schlosses, Ritter Dietrich von Arvel, kaufte es im 14. Jhd. den Mönchen ab - oder nahm es ihnen weg. Seitdem liegt es hier, aber niemand wusste davon. Der Ritter verbarg seinen Schatz nämlich in einem geheimen Versteck in der Kapelle, das in den Basaltfelsen hineingemeißelt war. Um das Geheimfach zu öffnen, musste man einen schweren Stein herausziehen. Da fand man in den Achtzigerjahren den Schatz. Ja, genau diesen. Sie hatten das ganze Schloss danach abgesucht, abgeklopft, mit Röntgenstrahlen durchleuchtet, und haben doch nur durch Zufall das Geheimfach gefunden. Wir lenken die Aufmerksamkeit des Publikums und der Presse gar nicht besonders auf diese einzigartige Wertsache, weil wir befürchten, dass wir dadurch Diebe anlocken könnten. Aber es besteht kein Zweifel darüber, dass sie das älteste und wertvollste Exponat unser gesamten Kollektion darstellt. Übrigens ist heute, am 15. Juli, der Namenstag des Heiligen Vito. Früher gab es an diesem Tag eine Tanzveranstaltung. Sie finden das gute Stück im Saal Nummer 9 unter einem massiven Glasdeckel in der roten Ecke."

"Hat dieser Finger irgendetwas mit dem Fluch zu tun, der auf Schloss Grabstein lastet? Oder sind das nur Ammenmärchen für Kleinkinder?"

Diese Frage verwirrte die Schlossführerin. Ganz offensichtlich wollte sie darüber nicht sprechen. Sie dachte einen Moment nach, dann platzte sie mit einer vorbereiteten Formulierung heraus, die offenbar aus fremdem Munde stammte: "Es gibt keinen Fluch, der auf Schloss Grabstein lastet. Diese Hirngespinste wurden zu Beginn des 20. Jhd. von Mitarbeitern des Museum unter der hiesigen Bevölkerung verbreitet, um Publikum anzulocken. Das hatte durchaus Erfolg. Sogar Sie haben ja davon gehört, wo Sie doch aus Russland stammen. Nun gut, in diesem Schloss ist in den acht Jahrhunderten seines Bestehens einiges vorgefallen. Jemand hatte Gesichte, es kamen Morde vor, auch Selbstmorde und Todesfälle mit ungeklärter Ursache. Aber all das geschah nicht wegen irgendeines sagenhaften Fluches, sondern aus Eitelkeit, aus Habgier oder aus Eifersucht der einen und wegen verbrecherischer Machenschaften der anderen. Das kleine silberne Schatzkästlein mit den drei Knöchelchen und einem Hautfetzen, die als Reliquie des Heiligen Vito bezeichnet werden, konnten und können auf keinen Fall die Ursache solch dramatischer Ereignisse sein."

Sie war schön in ihrem Zorn.

Ich wollte ihre Aufwallung nutzen und die wichtigste Frage des ganzen Themenbereichs ansprechen, wobei ich mir Mühe gab, durch meine Stimmlage keine Aufregung oder vertieftes Interesse erkennen zu lassen.

"Was wissen Sie denn von der Papierfabrik jenseits des Flusses? Steht sie in irgendeiner Beziehung zum Schloss und dem darauf liegenden Fluch?"

Meine Burgführerin regte sich noch mehr auf, ihr hübsches Gesicht lief puterrot an und ihre Hände ballten sich zu Fäustchen. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte sich auf mich gestürzt und mir das Gesicht zerkratzt. Kätzchen, kleines.

"Wenn ich einen wunden Punkt berührt haben sollte,  müssen Sie natürlich nicht antworten."

Diese Bemerkung kam zu spät. Frau Fleming sprach mit steinerner Stimme, in die sich ein sardonischer Unterton mischte: "Sie müssen sich nicht verstellen, Herr Somna. Unsere Mitarbeiterin, deren Namen ich nicht nennen möchte, hat beobachtet, wie Sie damals nach dem Besuch im Museum in Richtung Fabrik gegangen sind. Sie sind aber allein zurückgekehrt, ohne Ihre Frau - Entschuldigung, Ihre Freundin. Die Polizei war auch in der Fabrik. Dort haben sie nach der Leiche gesucht. Wir haben das alles durchs Fenster beobachtet und uns sehr darüber aufgeregt. Vielleicht liegt die Ärmste ja noch dort und verwest im Keller - und Sie führen hier eine billige Komödie auf? Sie sind ein Zyniker. Verschwinden Sie, sonst rufe ich die Polizei."

"Das können Sie gerne tun, ich habe nichts dagegen. Ich gehe ja gleich, möchte aber doch vorher noch einen Blick auf den Finger von Vito werfen." Damit verließ ich die Schlossführerin in höchst aufgebrachter Stimmung.

Ich ging durchs Museum und fand das Fensterchen, aus dem offensichtlich die "Mitarbeiterin und Kollegin" Rosi und mich beobachtet hatte. Das Loch in der Mauer befand sich allerdings auf der anderen Seite des Gebäudes, von der aus man unmöglich hätte sehen können, wie wir zum Hofgelände hineingingen. Hinter der Fabrik lagen noch einige verfallene Gebäude, die dazu gehörten. Dahinter befand sich ein Park, der in einen Wald überging. Da konnte man lange suchen. Wahrscheinlich hatten sie den Wald durchkämmt und auch die Kellerräume der Fabrik, wenn es denn solche gab. Bestimmt hatten sie sich aber nicht in den zweiten Stock hinauf getraut, weil die Treppe baufällig war. Da hätte man sich den Hals brechen können. Wenn sie das Gleiche gesehen hätten wie ich, wären sie anders mit mir umgegangen. Wahrscheinlich hätten sie mich umgebracht, damit ich schweige.

Unverhofft stieß ich auf jene Reliquie in der roten Ecke.

Auf den Finger des Heiligen Vito. Sein Name war mir geläufig, weil ich vor Jahren das Schloss in Prag besucht hatte, das nach ihm benannt war und mir dort die lange und ermüdende Lektion anhören musste, mit der die dortigen Führer Touristen beglückten. Mir war nicht viel davon im Gedächtnis geblieben: Er war ein Märtyrer, ein junger Kerl, ein Bild von einem Mann... Zur Zeit Diokletians wurde er umgebracht.  Man hat ihn bei lebendigem Leibe gekocht, aber er blieb unverletzt wie derer viele... Christen glauben anscheinend an solchen Schwachsinn. Ein Löwe wollte ihn nicht fressen, wahrscheinlich weil er satt war oder weil Vito nicht gut schmeckte... Nein, an mehr kann ich mich nicht erinnern.

Der Finger lag in einem kleinen silbernen Futteral, das in angemessener Art die Form dieses äußeren Körperteils nachbildete. Das Röhrchen ruhte in einem offenen Holzkästchen, das mit Gold beschlagen war. All das befand sich unter einer sehr massiven Glaskuppel, die wiederum in einer Vertrauen erweckenden Metallvitrine verschlossen war.

Nichts Besonderes!

Plötzlich fing meine rechte Hand an, höchst eigentümlich zu zucken.

Die Finger ballten sich zu einer Faust, spreizten sich dann aber krampfhaft auseinander. Danach geschah das Gleiche mit meiner linken Hand. Auch die Füße begannen sich konvulsivisch zusammen- und auseinanderzubiegen.

An der Wand hing ein verrosteter Morgenstern aus der Ritterzeit. Ohne große Anstrengung riss ich ihn aus seiner Verankerung und schlug damit auf das Schauglas, dass mit hellem Knall zersprang.

Warum ich das tat, war mir nicht klar.

Ich packte die Reliquie und steckte sie mir in die Tasche. In meinem Kopf zuckten Blitze: ein Jahr für die Zerstörung von Museumseigentum, drei für den Diebstahl eines heiligen Gegenstandes. Nun hätte ich wegrennen oder mich zur Polizei bemühen müssen, um mein Vergehen zu Protokoll zu geben. Statt dessen bewegte ich mich unter Anfällen von Schüttellähme in die freie Mitte des Saales Nummer neun und begann zu tanzen.

Wie man diesen Tanz hätte nennen sollen, wäre schwer zu sagen gewesen. Aber ich tanzte. Krümmte mich, grimassierte, warf die überlang gewordenen Arme und Beine unkontrolliert von mir, bog Rücken und Hals in sinnlosem Aktionismus.

Zwei Pagen in bunten Trikots sprangen aus dem Nichts herbei, die gleichen wie damals. Danach tauchten auch die Gaukler auf, die junge Dame mit der Laute, Ritter Dietrich von Schlagmichtot und die Burgführerin...

Alle schrien durcheinander und versuchten, mich an den Armen zu packen, doch das gelang ihnen nicht.

Ich tanzte, tanzte und tanzte, erhöhte Geschwindigkeit und Leidenschaft, steigerte den Rhythmus und drehte mich so schnell, dass sie mich nicht mehr sehen konnten. Vor ihren Augen raste ein Wirbelwind, und als er endlich aufhörte zu kreisen, war die Mitte des Saales Nummer neun leer.

Das hölzerne Kästchen lag ohne Inhalt auf dem steinernen Boden.

 

 

DER WEIHNACHTSMARKT

 

Ralf schmierte Butter auf eine Scheibe seiner liebsten Brotsorte mit dem Haferschrot, und gab einen Teelöffel Aprikosenmarmelade auf die Butter. Er biss ein kleines Stück davon ab, so viel, dass er etwas von der Marmelade mitbekam, und fing langsam an zu kauen. So hatte er es sich schon in der Kindheit angewöhnt, als Schmalhans Küchenmeister war. Seine Mutter legte nämlich allergrößten Wert auf Sparsamkeit und gesunde Ernährung. Je langsamer man kaut, desto länger hält das Gefühl der Sättigung vor.

Er schnupperte an seinem Lieblingskaffe aus Jamaika, dem mit der blauen Maske auf dem Hochglanzetikett. Er bevorzugte ihn schwarz, aber mit Zucker. Er kostete davon, lächelte und betrachtete wohlgefällig seine Frau Leni, die etwa zwanzig Jahre jünger war als er und bis heute hübsch und schlank geblieben war, obwohl sie schon 45 Lenze zählte. Sie war ein kräftiges kleines Pferdchen, das er die letzten 14 Jahre hindurch mit viel Spaß geritten hatte, nachdem er zwei schmerzhafte Scheidungen durchmachen musste, die jedesmal mit einem Riesenkrach und vernichtenden Urteilssprüchen des Scheidungsrichters endeten. Leni hatte keine Kinder, aber ein sonniges Gemüt, war fröhlich und im Bett ausgesprochen experimentierfreudig. In der letzten Zeit bevorzugten sie Rollenspiele und entwickelten eine Art Paraphilie in Form von zärtlicher Alberei.

Heute Morgen spielte Ralf einen alten, griesgrämigen Farmer und Leni eine minderjährige Negersklavin, die sein erkaltetes Blut mit Psychoterror in Wallung brachte. Sie schlug dermaßen um sich, quakte und grunzte, dass Ralf erschrak und sie um Mäßigung bat.

Gestern war Ralf die Negerin und Leni der Farmer. Zur Erfüllung ihrer Rolle bedurfte sie eines dieser wohlbekannten technischen Hilfsmittel, die man sich um den Bauch bindet. Ralf schrie mit kindlich verstellter Stimme: "Bitta nicht, Massa, bitta nicht, das tun weh!" Leni aber konnte sich nicht bremsen, brach in Gelächter aus und hätte beinahe alles verdorben.

Nach der Katharsis lachte übrigens Ralf...

"Sollten wir nicht zum Weihnachtsmarkt gehen? Was meinst du, Schatz? Immerhin ist heute der erste Advent und die Sonne scheint. Wir können einen Becher Glühwein trinken, die dusseligen Nussknacker und Drehpyramiden betrachten, Bratwürstchen verspeisen...

"Da kaufe ich dir endlich neue Wollsocken. Deine sind schon ganz löcherig."

"Jaja, wir können Socken kaufen, Pyramiden betrachten, Glühwein trinken. Außerdem möchte ich Walnüsse kaufen, gleich fünf Kilo. Weißt du noch, letztes Jahr haben wir welche aus Polen gekauft. Die waren außen schwarz, aber innen ganz wunderbar, außerdem dreimal billiger als die deutschen."

"Weißt du, ich kaufe sehr ungern Esswaren von diesen Leuten. Die sind so schmuddelig... Man sagt, die hassen uns dermaßen, dass sie sogar in den Teig spucken, wenn sie Brot backen, das in Deutschland verkauft werden soll. Weiß der Geier, was die in diese Nüsse hineinpraktiziert hatten."

"Mir haben sie das Gleiche über Kellner in Paris erzählt. Wenn die jemanden Deutsch reden hören, spucken sie gleich in die Suppe. Vielleicht sind das alles Hirngespinste, aber es stimmt schon, dass uns niemand leiden kann. Weshalb sollen sie uns denn auch mögen?"

"Reden wir nicht mehr davon. Ich mag nicht mehr... Außerdem möchte ich neue Crêpes probieren. Susanne hat mir erzählt, dass unser waschechter Franzose, Monsieur Leonid, welche aus dunklem Mehl bäckt, mit Vanille-Eis, Preiselbeeren, Erdbeeren, Likör und Rum."

Leni verdrehte die Augen und fing an zu schmatzen. Ralf sah, wie sie die dünne Oberlippe über die dickere Unterlippe schob und spürte unwillkürlich Schmetterlinge im Bauch.

"Das ist doch prima! Ich werde Glühwein trinken und du Crêpes essen."

Mit diesen Worten erhob sich Ralf, löschte die Kerze auf dem von der fleißigen Leni eigenhändig geflochtenen Adventskranz, beugte sich zum Ohr seiner Frau und flüsterte verschwörerisch: "Und heute Abend möchte ich ein Sexualverbrecher von einem anderen Planeten sein, grob, unflätig und unersättlich..."

"Ein Klingon? Dann möchte ich die kleine Sil aus Ocampa sein. Einverstanden?"

"Nein, lieber nicht. Da hätte ich Angst um deinen Rücken. Bleib lieber du selbst, und lass mich der böse Grey sein."

"Bei Grey sollen die Augen groß sein, aber zwischen den Beinen..."

"Das wird bei mir genau umgekehrt sein. Mein Kopf ist klein, aber mein Kerl..."

Sie machten sich fertig zum Weggehen. Bei Ralf dauerte das fünf Minuten, bei Leni eine halbe Stunde. Schminke, Hut, Schuhe... Allein zur Auswahl der Handtasche brauchte sie zehn Minuten. Wie Frauen nun einmal sind. Sie beschlossen zu Fuß zum Basar zu gehen, denn man fand ja doch keinen Parkplatz. Wahrscheinlich kamen wieder sämtliche Pensionäre aus ihren Rattenlöchern und tuckerten massenhaft in ihren Rostlauben dorthin.

Sie gingen los.

Unterwegs zeigte Ralf auf die Fassaden der Häuser, die ursprünglich vom Anfang des 20 Jhd. stammten und nach der Wiedervereinigung aufs Edelste renoviert worden waren. Er erinnerte daran, in welch beklagenswertem Zustand sie sich in DDR-Zeiten befunden hatten. Heute schienen nicht nur die Häuser, sondern auch das Straßenpflaster, die Laternen und die seltenen Neonreklamen in ihrem neuen, wohlhabenden und soliden Glanz westlicher Prägung zu strahlen.  

Orange Ziegel auf den Dächern erfreuten das Auge, und das sonore Brummen kräftiger Motoren der Marken BMW oder Audi das Ohr. Sie rückten die Möglichkeiten ins Blickfeld, die der Mantel der Geschichte den früheren Besitzern von Trabbis und Wartburgs eröffnet hatte, als er sie mit seinem Saum streifte. Ralf, der seine Landsleute sehr gut kannte, glaubte nicht, sie könnten jemals alle diese Möglichkeiten nutzen, aber diese Erkenntnis trübte seine Laune nicht. Je mehr man über diese Dinge nachdachte, desto mehr würde man sich grämen...

Stefan, der ältere Sohn von Ralf, und dessen Ehefrau Cindy hatten es fertiggebracht, auf Kredit einen Souvenirladen zu eröffnen. Nachdem sie das Geld erhalten hatten, mieteten sie Geschäftsräume auf dem Brühl-Boulevard. Sie kauften Möbel und Ware, luden zur Eröffnung all ihre Bekannten ein, machten Reklame im Lokalblatt und im Radio. Cindy, die bei der Eröffnung ein verrücktes Volant-Kleid trug, das an die örtliche Tracht erinnerte, verteilte Bonbons und Luftballons an die Kinder, Stefan grillte Nürnberger Würstchen für die Erwachsenen, und stellte acht Kisten "Kurfürst"-Bier hin. Es gab auch eine Lotterie, bei der jeder gewinnen konnte, und zwar Vorrichtungen zum Gießen von Zinnsoldaten.   

Nach einem Jahr machten sie mit Pauken und Trompeten bankrott.

Ralf musste 50.000 Euro aus seiner schwarzen Kasse zuschießen, sonst hätten sie Stefan vermutlich hinter Gitter gebracht. Cindy machte das letzte Geld ihrer alten Mutter locker, das diese für ihr Begräbnis zurückgelegt hatte. Jetzt arbeitet Cindy als Buchhalterin in Münster, wohin sie ihr neuer Mann Michael entführte, der eine KFZ-Werkstatt bei einem Autohaus besitzt. Stefan fing an, Drogen zu nehmen, dann berappelte er sich wieder und lebt jetzt mal in Kanada, mal in Neu-Seeland. Er fällt Bäume oder schert Schafe. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn war nie besonders eng, aber nach dem Bankrott ging sie völlig in die Binsen. Ralf konnte sich einer Moralpredigt und einer väterlichen Umarmung nicht enthalten, dem Sohn hingegen ging wider die Natur. Er machte seinen Vater ganz unverhohlen für diesen Absturz verantwortlich, weil Ralf, der im Rathaus angestellt war, nach Stefans Meinung zu denjenigen gehörte, die sich "solche Vorschriften und Steuern" aus den Fingern saugen. Dabei dachte er an die Richtlinien zur Anmietung von Immobilien und an besondere Abgaben, die in Deutschland von den Gemeinden festgesetzt werden.

Diese Vorschriften und Steuern, so schlussfolgerte Stefan, hatten sein gemütliches Familienunternehmen ruiniert. In Wahrheit waren aber nicht die Steuern daran schuld, sondern die völlige Unfähigkeit der beiden früheren DDR-Bürger zur Führung eines Unternehmens - Stefan war seiner Ausbildung nach Entwicklungsingenieur für Nähmaschinen, Cindy hatte ein Journalistikstudium vorzeitig abgebrochen. Doch wer gesteht schon freiwillig seine Fehler ein, wo es doch viel leichter ist, anderen die Schuld zu geben? So machen es Privatpersonen, Parteien und Regierungen...

Ralf hatte die ersten zehn Jahre nach der Wiedervereinigung im Bereich Erziehung und Sport gearbeitet. Er erhielt diese Arbeitsstelle, weil er damals als Student im Städtchen Proteste dagegen organisiert hatte, dass Rolf Biermann die DDR-Staatsbürgerschaft entzogen werden sollte. Deswegen musste er die technische Universität verlassen. Während der folgenden 15 Jahre war Ralf also ein Hätschelkind der neuen Regierung.

Er half Schulen, die Bezahlung der Lehrer zu verbessern, suchte Sponsoren für den Bau eines Stadions und die Reparatur des Schwimmbads.

 

Am Anfang verdiente er nicht viel, doch schließlich, nachdem er noch weitere zehn Jahre als Direktor der "Kulturfabrik" gearbeitet hatte, unter deren Leitung Abteilungen der Stadtverwaltung, die Bibliothek, die Galerie für zeitgenössische Kunst, das Museum für Mineralogie, die Theaterkasse und einige kleinere Geschäfte standen, besaß er seine eigene Konditorei, ein Fischgeschäft, zwei Cafés, drei Restaurants, einen Friseursalon und sogar einige Bankfilialen. Auf einmal wurde ihm klar, dass er nicht mehr wusste, wohin mit dem Geld. Bisher hatte er Verwandten und anderen mehr oder weniger nahe stehenden Leuten geholfen. Nun kam er zu der Erkenntnis, es sei an er Zeit, das Geld nur noch für sich und seine Ehefrau zu verwenden, weil das Leben nun einmal begrenzt ist.

Er kaufte einen Frack, einen Mercedes für sich selbst und einen Toyota für Leni, mietete eine edle Wohnung auf dem Kassberg, mit eigenem Lift, Terrasse und Tiefgarage. Er schenkte Leni eine goldene Rolex für siebeneinhalbtausend Euro, sich selbst eine für fünf. Er kaufte nur noch Kaffee für 35 Euro das Paket und marinierten Aal.

Da Familienleben von Ralf verlief harmonisch.

Bis zu den echten Schrecken des Alters war es noch lange hin.

Seine beiden anderen Kinder, eine Tochter und ein Sohn, waren in Bayern aufgewachsen und arbeiteten auch dort. Einmal im Monat telefonierten sie mit dem Vater. Ein pompöses Marmordenkmal schmückte

das Grab seiner Eltern.  

Die Arbeit forderte nur einen vernünftigen Teil seiner Kräfte.

Mit dem Bürgermeister, einem ehemaligen Klassenkameraden, verkehrte er freundschaftlich. Manchmal gingen sie sogar zusammen auf ein Bier in den Goldenen Hahn. Er stand nicht mit allen Mitgliedern des Stadtrats auf so gutem Fuß, aber sogar bei seinen Feinden spürte Ralf eine prinzipielle Unterstützung. Untereinander erlaubten sie sich bilderbuchhafte Ränkespiele und Intrigen, manchmal hätten sie sich gegenseitig sogar am liebsten aufgefressen - aber Außenstehenden gegenüber waren sie ein eingeschworenes Team von Führungskräften, die, für den Laien unsichtbar, durch eine Vielzahl von Bändern miteinander verfilzt waren. Halblegaler Kuhhandel, gemeinsame Dienstreisen an die Côte d'Azur, nach Sardinien, Gstadt, Sankt Moritz, familiäre Verflechtungen, gemeinsame Ärzte, Techtelmechtel, Banken...

Ralf wurde in den Rotary-Klub und in die örtliche Freimaurer-Loge aufgenommen.

Wenn er jetzt auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt das alles an sich vorbeilaufen ließ, sah er durchaus Grund zur Lebensfreude.

Das Einzige, was seine Stimmung trübte, war der plötzliche Anflug eines bisher für Ralf völlig unbekannten Gefühls: Es kam ihm so vor, als sei alles, was er rings herum wahrnahm, auf seltsame Weise fremd. Der Tag war nicht echt, die Sonne auch nicht...

War das ein Rollenspiel? Und wenn ja: Wer spielte da mit wem?

Du bist doch selbst auch nicht echt. Wer bist du denn in Wirklichkeit? Ein Modell aus Knetgummi? Wer weiß...

"Sind das hier alles Theaterkulissen?", so fragte er sich, als er sich umschaute, und musste grinsen. Nein. Da waren der Himmel und der Horizont. Oder waren die nur aufgemalt? Irgendwie zu perfekt. Das gibt es doch gar nicht. Doch, alles kann vorkommen. Ist das Kino? Nein, dafür ist es zu langweilig. Was für ein Held bin ich denn? Gar keiner.

Eine sexuelle Phantasie? Von wem denn?

 

Nein, das ist wohl doch nur eine undefinierbare, unverantwortliche Kopfgeburt dieses Textes.

Die Häuser sehen aus wie Großbuchstaben aus einem fremden Alphabet.

"Jemand schreibt über mich", schlussfolgerte er mit deutlichen Anzeichen der Befremdung. "Er hat die Macht, mich zu all dem zu machen, was er für richtig hält. Er hat auch Macht über alles andere. Zum Donnerwetter, was ist das für ein seltsames und unangenehmes Gefühl. Hey, du da drüben!"

Dem armen Ralf wollte nun doch scheinen, als überkomme ihn dieses Gefühl nicht zum ersten Mal im Leben, als habe er sein ganzes Leben heute Nacht geträumt, vielleicht auch nur einige Sekunden vor dem Aufwachen.

Midlife-Crisis?

Angeborene Hypochondrie?

....

Ralf und Leni waren beide groß gewachsene, schlanke, imposante Gestalten in teuren, langen Mänteln, Ralf mit einem schneeweißen, Leni mit einem feuerroten Schal. Gerade als sie vom Kassberg kommend zum Marktplatz hinübergingen, auf dem der Weihnachtsmarkt stattfand, geschah etwas, das Ralf von seinen beklemmenden Gedanken über eine Plastillinwelt ablenkte und ihm den Schweiß des Grauens aus den Poren trieb.

In einem engen, länglichen Fenster des Rathauses sah er eine unbekleidete weibliche Figur mit ekelerregenden Gesichtszügen. Die riesige Nase fing schon auf der Stirn an und endete erst am Kinn. Augen und Lippen waren nicht zu sehen.

Ralf kam zu dem Schluss, dass er vollkommen und endgültig übergeschnappt sei. Voller Verzweiflung bat er Leni: "Schau mal zum Turm. Über dem Roland im Fenster, siehst du die Figur da? Und außerdem, kommt es dir nicht auch so vor, als sei alles unwirklich?"

Eben jetzt betraten sie den Weihnachtsmarkt durch ein Tor, das üppig mit bunten Glühbirnen geschmückt war. Man hätte einen Kriegselefanten hindurchtreiben können. Leni suchte mit den Augen den Stand mit Socken und Kniestrümpfen und rannte dorthin los. Daher nahm sie die Worte ihres Mannes nicht ernst und schaute auch nicht zum Turm hinauf.

Ralf tat es leid, dass er seiner Frau diese Frage gestellt hatte. Warum hätte er sie beunruhigen sollen? Er überließ sie ihrer Welt und schloss die Augen. Warum schaute er doch ein zweites Mal zum Turm? Da stand der Roland, und das Fenster über ihm - war leer.

Sinnestäuschungen?

 

Ralf strich sich über seinen formvollendeten, silbergrauen Kopf mit Igelfrisur. Seltsamerweise hatte er Lust zu rauchen, obwohl er das schon seit dreißig Jahren nicht mehr tat.

Nun gut, mein Kopf ist echt...

Er schnupperte in die Luft und nahm den Geruch von gebratenen Würsten wahr.

Auch die Luft ist echt. Die Nase ebenfalls.

Er ging zu Leni. Sie hatte helle und dunkle Socken ausgewählt und befühlte sie. Jeweils drei oder sechs Paare waren zu einem Bündel vereinigt.

Auch die Socken sind echt.

"Süße, ich gehe los und suche Glühwein und Nüsse."

"Geh aber nicht zu weit weg. Wenn wir uns verlieren, rufe ich an."

"Ja, aber ich habe mein Handy nicht mitgenommen. Sonst stört es doch nur, wenn es bimmelt."

"Dann treffen wir uns an der großen Pyramide. Die ist von überall zu sehen."

Ralf verließ den Sockenstand, ging vielleicht 25 Meter weit und blieb wie angewurzelt vor einem kleinen Glühweinstand stehen.

Die gleiche grausige Frau mit der riesenhaften Nase füllte eine heiße, dunkle Flüssigkeit, die nach Alkohol und Zimt roch, in die weißen Porzellanbecher.

Das ist doch nur Theater!  

Die Kunden am Glühweinstand nahmen ihre Becher entgegen, bezahlten bei der Dame und ließen sich das Wechselgeld geben, ganz so, als habe sie ein alltägliches, menschliches Gesicht und sehe nicht aus wie ein Schreckgespenst.

Ganz so, als sei sie völlig normal angezogen.

Wahrscheinlich nahmen sie sie anders wahr als Ralf. Und genau das erschreckte Ralf, gar nicht so sehr ihre Nacktheit und Hässlichkeit. Er wollte kein spinnerter Querulant sein, kein Hellseher, der von Scheusalen schwadroniert. Noch weniger wollte er der Held in einem Theaterstück sein. Weder ein über den Tisch gezogener Hamlet, noch ein depressiver Faust.

Er wollte sein wie alle anderen. Gerade heute, gerade hier auf dem Weihnachtsmarkt wünschte er sich das besonders. Er wollte ein einfacher Bürger sein, der hierher gekommen war, um Glühwein zu trinken und Bratwurst zu essen.

Er rieb sich die Augen, zog sich an der schlanken, sehnigen Hand und wendete sich an den Autor: "Hast du deine Geschichte beisammen? Dann spule den Film zurück!"

Er schaute mit bitterer Miene zum Himmel, dann senkte er den traurig Blick und verließ den Glühweinstand. Er kehrte zu Leni zurück, die der Verkäuferin gerade zwanzig Euro hinreichte.

Der Verkäuferin?

Er hob die Augen und sah seine Befürchtung bestätigt, denn diese Verkäuferin war wieder - sie! Ekelhaft nackt. Ein Schreckgespenst. Und Leni merkte das nicht!

Ralf drehte ihr schnell den Rücken zu und stöhnte.

Alle Verkäufer und Verkäuferinnen von allen Kiosken ringsherum waren...

"Die Krankheit schreitet fort", dachte Ralf, "und zwar schneller, als ich mich an ihre Symptome gewöhnen kann."

Und gleich erhielt er dafür die Bestätigung. Nicht nur die Verkäufer, sondern alle Besucher des Weihnachtsmarktes - sogar kleine Kinder und ein Tattergreis mit Rollator - verwandelten sich in diese nackte Furie.

Auch Leni.

Nur er blieb er selbst. Wirklich?

Es war verblüffend, dass alle diese Wesen um ihn herum weiterhin dasselbe taten wie vor ihrer Verwandlung. Sie handelten, redeten miteinander über familiäre Dinge, tranken Glühwein, suchten etwas, fanden es... Ein früheres Kind brüllte noch genauso wie vorher, und die Nackte, die vorher ein Greis gewesen war, schob den Rollator vor sich her.

Das Scheusal Leni stand neben Ralf und hielt Wollsocken in den Händen.

Das war zu viel!

 

 

Nun begann diese seltsame, kranke und unwirkliche Welt vor Ralfs Augen zusammenzubrechen. Zunächst verteidigte sich Roland am Turm noch. Seine granitenen Augen schlossen sich, ein paarmal zuckte er, zitterte und blies verzweifelt laut in sein Horn. Dann fiel er vom Sockel, verwandelte sich in den riesigen, scharlachroten Buchstaben "R" und verschwand unter der Erde.

Auch die Pyramide verschwand im Erdboden. Das Rathaus folgte ihm genauso wie alle anderen Gebäude um den Markt herum, die wie die Zeile eines für Ralf unbekannten Textes dagestanden hatten.

Die Kiosk-Wörter begannen zu schwanken. Die nackten Frauen sprangen umher wie Gummibuchstaben.

Alles stürzte zusammen.

Nun stand Ralf alleine auf dem mit Heidekraut bewachsenen Feld, das einen rauen Blatt Papier glich. Die Sonne stand schwarz im Zenit. Ein geschwollener Punkt.

Nichts war zu hören, außer dem Säuseln des Windes und dem Anschlag auf Schreibmaschinentasten.

Ralf verstand, dass sein Leben zu Ende ging, und fragte in die Stille hinein: "Warum ist meine Welt verschwunden? Wo liegt meine Schuld? Ich habe doch niemandem etwas zu Leide getan. Ich habe gearbeitet, geliebt, Geld verdient und ausgegeben. Habe meinen Nächsten geholfen. Warum bestrafst du mich so hart?"

Niemand antwortete.

Ralf atmete tief ein und schloss die Augen. Auf dem Blatt erschien ein trauriges Fragezeichen.

Ich öffnete sie wieder.

 

Direkt vor mir tauchte die in wilde Bewegung geratene Maschine wieder auf, die aussah wie eine biomechanische Skulptur. Sie leuchtete silbrig-violett und zerfiel auf der Stelle.

Ich saß in der ehemaligen Papierfabrik im riesigen Saal des zweiten Obergeschosses, trug einen langen Mantel und einen weißen Schal um den Hals. Von der Wand herab betrachtete mich streng das augenlose Hologramm von Rosi. Im Hof zirpte der Juni mit seinen Zikaden. Nun befand ich mich wieder in meiner Zeit, in meinem vertrauten Albtraum.

Ich stieg die Treppe mit den Zwischenräumen hinab und strebte dem Bahnhof von Rosenheim zu. Als ich am Schloss Grabstein vorüberging, bemerkte ich, dass die Burgführerin aus einem Oberfenster nach mir schaute. Die schöne Frau Fleming. Höflich winkte ich ihr und schickte ein Luftküsschen. Gleich darauf war wieder das vertraute Quieken aus der Metzgerei zu hören.

Noch zwei Kurven weiter, und ich hatte den Bahnhof erreicht. Da war die Fußgängerunterführung. Da war der Bahnsteig, und da kam auch schon der Zug.

 

MONSIGNORE

 

Ich stieg ein, begab mich ins Obergeschoss und setzte mich auf einem freien Fensterplatz. Dort ruhte ich mich erst einmal aus. Der Zug fuhr langsam los und wurde allmählich schneller. Vor dem Fenster zogen Bilder vorbei, die mir in den Jahren meines Hierseins vertraut geworden waren: Sächsische Hügel, mit Buchen bestanden, sauber bestellte Felder, Hochsitze für die Jäger, moderne Giganten: Windräder zur Stromerzeugung, die in stupidem Gleichmaß ihre Flügel drehten.

Etwa fünf Minuten lang döste ich vor mich hin, und als ich die Augen öffnete, saß mir ein seltsamer Mensch in langem Sommermantel gegenüber, der mit einem kleinen Anstecker in Form eines Wappens geschmückt war. Schmales Gesicht mit vornehmen Zügen, Brillenträger; kleine sandfarbene Wollmütze.

Unter dem Mantel schaute der weiße Kragen hervor, den katholische Geistliche tragen.

Die Hände des Unbekannten waren, wie man es häufiger bei Angehörigen des Priesterstandes findet, von auffallender Weiße. Am Zeigefinger trug er einen Ring, der ebenfalls mit einem Wappen drapiert war. Die Nase war lang, schmal und gebogen. Die grauen Augen strahlten Ruhe aus, aber auch versteckte Hintergedanken.

Entgegen der Erwartung trug er an den Füßen keine eleganten Schuhe, sondern, wie es damals modern war, solche mit Rollen. Auf einmal fing er mit einem metallenen Bariton an zu sprechen.

"Ein wunderschönen guten Tag, Herr Somna."

"Wunderschön, wunderschön. Aber welcher Tag ist heute eigentlich? Ach, das tut ja nichts zur Sache. Woher wissen Sie denn meinen Namen, Herr Pfarrer auf Rollschuhen?"

"Woher wissen Sie denn, dass ich Pfarrer bin? Urteilen Sie nach meiner Kleidung? Ich kann Ihnen auch einen anderen Kragen zeigen, einen aus Hanf."

Im Augenblick verwandelte sich der Herr im schwarzen Mantel in einen furchtbar aussehenden Leichnam, der am Galgen baumelte. Ein bläulicher Rabe saß auf seinem Kopf und hackte dem Toten die Augen aus.

"Ich bin vollauf zufrieden, gratuliere. Wenn ich bitten darf, verschonen sie mich mit weiteren Scherzen dieser Art. Gehen Sie hinaus zu den jungen Mädels und treiben Sie dort ihren Schabernack. Meine Nerven sind leider etwas schwach."

"Das wissen wir, hihi. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Obwohl der Ausdruck "schwache  Nerven" unangemessen ist für das, was Sie in der zweiten Etage der Papierfabrik erlebt - und überlebt haben. Und was heißt "Ich", wen meinen Sie denn damit genau? Ralf vielleicht, den Sie zu Tode gequält haben? Oder Ihre unglückliche Geliebte, Frau Kim? Ach so, der Leichnam wurde bis heute nicht gefunden? Stehen Sie immer noch unter Anklage? Oder waren Sie dieses Räuber-und-Gendarm-Spiel leid und Sie haben es beendet, bevor es richtig angefangen hatte? Bezieht sich Ihr "Ich" auf Dietrich von Arvel, dessen dümmliches Spielzeug Sie sich so frech unter den Nagel gerissen haben? Wo ist es übrigens? In Ihrer Tasche?  Oder, viel besser: Ist es beim strahlenden Imperator Diokletian, dem großen Verfolger der Christenheit? Sie haben ihm ja neulich erst Ihre Aufwartung gemacht, von innen heraus sozusagen. Und nicht ohne Verlust für seine Staatskasse."

"Zum Teufel mit diesem Dalmatiner, diesem Kohlfresser. Er war übrigens gar kein schlechter Führer. Er wollte ein Imperium aufbauen, wollte Ordnung und ein neues "goldenes Zeitalter" schaffen. Er hat Thermen unweit des Bahnhofs bauen lassen. Was wollen Sie von mir? Ich bin müde und möchte gerne ein halbes Stündchen schlafen. Gehen Sie hin, wo Sie hergekommen sind, geradewegs in die Hölle... Ich will Sie ja nicht in eine schwarze Katze verwandeln und auf einem heißen Blechdach aussetzen. Aber ich für mein Teil möchte mich nach Hause begeben und ein Bad nehmen."

"In eine schwarze Katze auf einem heißen Blechdach? Das ist wenig originell, haha. Ich will überhaupt nichts von Ihnen, unserem hochverehrten 'Reisenden durch die Unterwelten'.  Ich brauche gar nichts. Nichts und von niemandem. Ihre Welt hängt mir schon lange zum Hals heraus. Mir geht es wie Ihnen: Am wichtigsten ist, dass man mich in Ruhe lässt. Auch ich möchte mich in die Wanne legen und ein Buch lesen, von diesem Eusebius Caesarius zum Beispiel, Ihrem braven Trauzeugen ... alte Knochen aufwärmen... das Knie tut mir weh... alte Geschichte... aber meine Bruderschaft braucht etwas von Ihnen, stimmt schon... man hat mich hergeschickt... musste in diesen ... Zug einsteigen... was für ein altertümliches Vehikel."

"Fahren Sie nur, fahren Sie zum Teufel, und nehmen Sie Ihre Bruderschaft gleich mit. Stören Sie anständige Leute nicht, wenn sie dösen oder einfach nur zum Fenster hinausschauen wollen."

"Anständige Leute? Sind Sie denn ein anständiger Mensch? Oder die anderen Passagiere vielleicht? Ihre ganze Welt besteht doch nur aus Lügen und potemkinschen Dörfern. Ich kann ja verstehen, dass Sie ein wenig müde sind nach den Ereignissen auf dem Weihnachtsmarkt, noch dazu in einem fremden Körper... Vielleicht kann man mit ein wenig Arbeit noch etwas aus Ihnen machen... Vor wenigen Augenblicken haben Sie Ihre Aufmerksamkeit zwei zauberhaften Jungfrauen gewidmet, dahinten im Eckchen stehen sie und schwatzen. Wie hübsch sie sind, was für zarte Näschen sie haben, und das Kinn... hinreißend... Haare wie bei Botticelli...  alles perfekt... aber wissen Sie, was die treiben, wenn ihnen keiner zuschaut? Tja, wie soll ich mich da gewählt ausdrücken... sie lecken sich gegenseitig das Ärschchen und... ach, wie unappetitlich... sie scheißen dabei. Mit welcher Hingabe sie das tun! Bis zur Besinnungslosigkeit... Und wie sie stöhnen... Und Sie wollen mich in die Hölle schicken? Die ist doch hier, mitten unter Ihnen... gleich nebenan! Und da, sehen Sie dort auf der anderen Seite diesen stämmigen Dickwanst mit dem siebenjährigen Jungen? Das sind Vater und Sohn. Sie waren bei der Oma zu Besuch. Sehen Sie das lange Paket in der Reisetasche? Das ist das Geschenk von Oma, ein Luftgewehr, damit ihr Enkel Vögelchen abschießen kann. Der Papa ist ein guter Kerl, hat einen kleinen Laden für orthopädische Schuhe... Sohnemann geht in die Grundschule und bringt gute Noten heim. Er singt im Kirchenchor das Ave Maria wie eine Nachtigall. Sind das "anständige Leute"? Wissen Sie denn, was der Herr Papa daheim in der schicken Sauna treibt, wenn die Mama nicht zu Hause ist? Er ruft seinen Sohn zu sich, zieht ihn aus und küsst sein rotes Schnäuzchen... reibt ihn mit Vaseline ein... mehr davon? Aber dem Sohn gefällt das sehr... der Papa lädt auch manchmal Freunde in die Sauna ein...

"Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren Nachtigallen und Saunen! Sie sind ein Voyeurist, kein Mann der Kirche! Sollen doch alle machen, was sie wollen. Erwachsene wie Kinder. Was geht Sie das an?"

"Mich geht das gar nichts an. Voyeurist? Na klar, und nicht nur von Amts wegen. Und die dort, am Ende von unserer Reihe, die Alte, die ein Mützchen strickt? Die ist wirklich gut. Zwei ihrer Männer hat sie mit Rattengift um die Ecke gebracht und hat auch versucht, ihre Nachbarin zu vergiften, auf deren Liebhaber sie scharf war. Aber die Nachbarin hat das überlebt. Wie die Opfer gelitten haben! Aber sie ist ohne Strafe davongekommen. Kein Mensch hat auch nur den geringsten Vorwurf gegen sie erhoben, niemand. Stellen Sie sich das vor... Ihr gegenüber sitzt so ein superschlauer Opa mit Schnauzbart... eingebildet bis zum Platzen... aber der ist wirklich schlau, war mal ein erfolgreicher Schriftsteller... hat Romane über soziale Fragen geschrieben, etwa einen pro Jahr... auch über psychologische Themen... Zu DDR-Zeiten war er IM... spionierte für sich selbst und für die Stasi... er war wirklich qualifiziert, und clever... alle Freunde hat er verpfiffen... alle Bekannten... und die Freunde von Bekannten... von Reue keine Spur... hat sich auch nicht umgebracht, als alles rauskam... im Gegenteil, er ist stolz auf sich... hält sich für einen Patrioten... ist fest davon überzeugt, dass er früher oder später auch vom neuen Deutschland gerufen wird... und hat allen Grund dazu... schade nur, dass ihn vor diesem glücklichen Moment der Schlag trifft... gleich nach einem üppigen Mahl im Gasthaus... wirklich traurig...

 

"Es reicht, verdammt nochmal! Hören Sie auf im Dreck zu wühlen und ihn auch noch breitzuwalzen. Niemand ist ohne Schuld. Zur Sache, bitte schön."

"Sie sind aber wirklich unhöflich! Was heißt 'zur Sache'? Wir sind bei der Sache. Ich bin beauftragt... hm... Ihnen den Vorschlag zu unterbreiten, an unserer Diskussion teilzunehmen... im Rat mitzuwirken... im Kreis der Auserwählten... deswegen müssen Sie in einer Stunde im Heiligen Land sein... hier ist der Brief mit den Instruktionen... wie und was... lesen Sie selbst...

Aus seiner Brusttasche zog er einen Umschlag, auf den eine schimmernde Goldkrone mit einer grünen Schlange geprägt war, und übergab ihn mir.

"An einer Diskussion teilnehmen? Jede kollektive Besprechung erinnert mich an Gruppensex oder Komsomolzenkongresse. Das Einzige, was dabei herauskommt, ist Streit oder gar Feindschaft. Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das sage, aber mir ist alles unerträglich, was 'Übertragung des Geistes' oder 'freie demokratische Diskussion' heißt. Da werden Probleme in einem Kollektiv verhandelt, dessen Mitglieder immer intuitiv nach einem Anführer und Antreiber Ausschau halten - und nach Bösewichtern, die an allem schuld sind. Da überträgt man einem Anführer seinen freien Willen und nimmt an öffentlichen Hinrichtungen oder Opferungen teil."

"Haha, Gäulsfürze! Jetzt spielt er auch noch den Philosophen! Wie Sie mit einem Unbekannten reden... im Zug... Lesen Sie den Brief, da steht alles drin. Ich habe keine Kraft und auch keine Lust mehr, mit Ihnen zu sprechen."

In seinem Ton lagen Anspannung und Ungeduld. Er stand brüsk auf und entschwand durch den Mittelgang, ohne sich noch zu verabschieden. Wahrscheinlich stieg er an der nächsten Haltestelle aus.

Ich steckte den Brief in die Tasche und nickte wieder ein. Mich hatte nur interessiert, von wem der Brief stammte. Eine Adresse war nicht zu finden, aber als Absender stand da: "Bruderschaft des Heiligen Florian".

Darunter konnte ich mir nichts vorstellen.

Der Zug näherte sich der Stadt.

Links von der Eisenbahn stiegen die Straßen an, einen Hügel hinauf. Ein spitzer Kirchturm schien sich in den Himmel zu bohren. Auf der sattelförmigen Anhöhe befand sich der Tschischikowski-Wald, in dem ich auf schmalen Pfaden öfters Fahrrad gefahren war. Dort begegnete ich eines Tages einer nackten Frau, die auf einer kleinen Flöte spielte. Als ich lüstern nach ihr schaute, verwandelte sie sich in einen Vogel und flog davon.

Rechter Hand sah man fünfstöckige Häuser, die wogten und brausten und in massiven Wohnungskaskaden dem Fluss zueilten, neben dem wir herfuhren. Nicht weit davon stand ein Haus älterer Bauart, wo sich im zweiten Stock meine Wohnhöhle befand.

Dahin gelangte ich heute aber nicht.

Ein unbezwingbares Bedürfnis ließ mich in die vor kurzem renovierte Bahnhofstoilette schauen. Nach dem erfolgreichen Besuch einer blitzsauberen Kabine ganz ohne Geschmier an den Wänden trat ich wieder in den Toilettenraum hinaus, sah vor mir aber statt grünlich gekachelter Wände und blinkender Pissoirs gotische Spitzbögen, Glasfenster und die berühmte "rosa Kanzel", von der herab schon Luther gepredigt hatte.

Was war denn das wieder für eine groteske Teufelei?

Welche hirnlose Macht beförderte mich aus der Bahnhofstoilette in die städtische Kathedrale? Und zu welchem Zweck?

In dieser Kathedrale befand ich mich natürlich nicht zum ersten Mal. In ihrem uralten, unterirdischen Teil gab es noch einige romanische Säulen, die stilisierte Löwen, Panther und Himmelsvögel auf den Kapitellen trugen. Ich hatte das Gebäude immer wieder des Langen und Breiten abgeschritten. Der Innenraum war nicht von barocken Versatzstücken entstellt, wie es in vielen anderen deutschen Kirchen der Fall war. Die spitzen Kreuzgewölbe hallten rein und klar, die Säulen bestanden aus Bündeln, an einigen von ihnen prangten Statuen. An den Außenwänden der Kathedrale lehnten mächtige Stützbögen mit Fialen.

Während der Reformation zerstörten und verbrannten außer Kontrolle geratene Menschenmassen in den Kirchen  alles, was sich nur zerstören und verbrennen ließ. Sie rissen nicht nur verlogene Heiligenbilder, sondern auch Jesus Christus und Maria vom Sockel und vernichteten die Arbeit von Generationen gottesfürchtiger Handwerker, Schmiede, Juweliere, Künstler, Holzschnitzer...

Sie orientierten sich am Buchstaben der evangelischen Texte, auch derer von Luther. Hirnloses Pack! Gemeindemitglieder und Kleriker, die unter Lebensgefahr so manchen Kirchenschatz verborgen hatten, brachten danach die Dinge wieder in die Gotteshäuser zurück, wo während des völlig sinn- und zwecklosen 30jährigen Krieges eine neue Welle der Zerstörungswut auf sie wartete.

Später fiel der Iwan aus dem Osten ein und ordnete das Stadtleben nach stalinistischen Prinzipen. Die echten Nazis waren schon vorher nach Westen geflohen, daher mussten sie sich auf die beschränken, die noch übrig waren. Ein Glück, dass altdeutsche Skulpturen die Russen nicht interessierten - ihre eignen hatten sie während der Revolution schon verbrannt. Für die deutschen hatten sie keine Zeit, denn sie mussten ja nach jungen Frauen, Uhren, Radioapparaten und Porzellanwaren auf die Jagd gehen. Eine alte Deutsche erzählte, die Russen seien ins Haus eingedrungen und hätten "Uhri, Uhri" gebrüllt. Neben den Russen gingen damals auch Angehörige anderer Völkerschaften auf Beutezüge bei den Besiegten, Tschechen und Polen zum Beispiel. Von denen berichtete die gleiche Bekannte, sie hätten noch schlimmer gehaust als die Iwans.

Trotz allem gab es in der Kirche hölzerne Statuen, die teilweise farbig bemalt waren, außerdem Kruzifixe, einen mehrflügeligen Schnitzaltar, einige Dutzend Bilder, deren Malstil mehr oder weniger an Lukas Cranach und seine Schule heranreichte, eine berühmte Pietà des Meisters Peter Breuer und die legendäre "rosa Kanzel" mit unzähligen Figuren aus rosa Porphyr. Für mich stellte diese Kathedrale das Beste, das Beeindruckendste dar, was in Deutschland aus früheren Jahrhunderten übrig geblieben war. Hier, unter den gotischen Bögen, seitlich durch dicke Mauern und von unten her durch steinerne und bronzene Gedenksteine geschützt vor der Neuzeit, zwischen dem Totenreich und dem Himmlischen Jerusalem, fühlte ich mich ganz ich selbst, und nicht als irgendein hergelaufener Emigrant, der nach Europa gekommen war um leckere Würstchen zu futtern und deutsche Frauen zu vögeln, wie die Ortsansässigen von mir dachten.

Daher war ich nicht verwirrt, als ich mich jetzt in der Kathedrale wiederfand, und tat das, was ich dort immer getan hatte: Ich begann einen gemächlichen Rundgang, eine meditative Exkursion. Zuerst ging ich wie gewöhnlich zum uralten Holzkruzifix nahe beim Haupteingang.

Die Darstellung des gekreuzigten Jesus war grauenvoll. An seinem Kopf klebte eine Perücke aus echtem Pferde- oder Menschenhaar. Der überproportional große Körper hing an langen, dünnen Armen. An den Händen fehlten die Finger, anscheinend waren sie abgeschlagen worden. Die Adern an Armen und Beinen waren angeschwollen wie bei einem Basketballspieler. Aufgemalte Blutspuren ergossen sich in Bächen über den gemarterten Körper, der mit seinen drei Metern die Größe eines Giganten besaß. Das ausdrucksvolle, schmale Gesicht war zu einer Totenfratze verzerrt. Es wunderte mich nicht, dass ich erst Gestöhne und Gehüstel, dann auch die dumpfe Stimme der Statue vernahm.

"Du hast mich oft genug gefragt, was damals nach meiner Kreuzigung geschehen ist. Nun sollst du die Wahrheit erfahren: Nichts Besonderes... ich bin gestorben... und auferstanden... Und nun... schau mich an... meinen Körper... wenn du wüsstest, wie weh das tut... wie unangenehm sich das anfühlt, an diesem wurmzerfressenen Stück Holz zu hängen... die nagen auch an mir... diese verdammte Dornenkrone sticht mir in die Augen...  zehn Stunden am Tag begaffen mich die Touristen... Wünschst du dir eine solche Unsterblichkeit? Eine andere habe ich nicht."

 

In diesem Moment fasste mich jemand an der Hand. Das war der gleiche Geistliche wie vorhin. Nun trug er zwar eine purpurne Sutane, aber immer noch dieselben Schuhe mit Rollen. Er hob mich ein wenig an und vollführte mit mir eine riskante Pirouette, wie ein geübter Tänzer. Dann stellte er mich wieder auf den Boden. Vor meinen Augen verschwamm alles, aber er ließ mich nicht fallen.

"Nun, Herr Somna? Wie ich sehe, haben Sie den Brief nicht geöffnet? Was ist denn das... da müssen wir..."

Er packte mich und vollführte eine weitere Drehung.

 

"Ich bitte Sie, hören Sie doch auf! Sonst reißt es mich noch hier in der Kirche auseinander. Wie ich sehe, hat man Sie in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit mit einer höheren Position betraut. Wie darf ich sie denn jetzt anreden? Eure Schwingende Hoheit, Drehende Durchlaucht, Rasende Hochwürden, Eure Rollende Heiligkeit?"

"Wie herzig! Wenn Sie möchten, reden Sie mich mit 'Monsignore' an. Aber nun bitte ich Sie, nicht herumzuzappeln und ein wenig die Füßchen zu heben."

Er packte mich von hinten, hob mich hoch, und wir flogen davon... zwischen Säulen und Mauern hindurch... und... als wäre das ein Leichtes...  sausten wir in eine andere, mir unbekannte Kirchenrotunde hinein.

Im Inneren des großen Raumes, der von einer grandiosen Kuppel mit einem runden Loch in der Mitte gekrönt wurde, aus dem helles Licht strömte, stand ein weiteres, kleineres Gebäude von verstörend unregelmäßiger, geradezu abstoßender Bauart. In seine Wände waren ellipsoide Öffnungen gebrochen. Auf seinem Dach befand sich etwas wie ein Wehrturm mit plattgedrücktem Zwiebeldach.

"Das ist eine ziemlich unnütze Befestigung. Die Grabeskirche wurde am Abhang eines eingeebneten Hügels erbaut, in dem der Überlieferung nach eine Höhle lag. Da fand die Grablegung Jesu statt", so erklärte mein Weggefährte. "Wir befinden uns in der Grabeskirche unseres Herrn Jesus Christus in Jerusalem. Ich bitte Sie um ein angemessenes Betragen." Er zwinkerte mir zu, drehte dem Gebäude den Rücken zu, warf seine Sutane hoch, zog die Unterhose herunter, zeigte dem Grab des Herrn seine ekelhaftes Hinterteil und ließ einen Furz. Danach brachte er mit unglaublicher Geschwindigkeit seine Kleider in Ordnung, stand wieder ehrerbietig da und fuhr mit seinen Erläuterungen fort .

 

"Die Begegnung mit den Mitgliedern der Bruderschaft findet in einem ehemaligen Steinbruch oder einer Zisterne statt, dort unten, wo der Legende nach Elena, die Mutter von Kaiser Konstantin, das echte Kreuz gefunden hat, an das Jesus genagelt worden war. Insgesamt wurden drei Kreuze gefunden. Alle Gekreuzigten starben, nur einer wurde geheilt, irgendwie.

Obwohl ich ziemlich betroffen war, fand ich doch die Kraft zu sagen: "Verstehen Sie das unter 'angemessenem Betragen'? Sie haben sich ziemlich vulgär benommen. Wenn Sie ihn derart hassen, wie stark müssen Sie da an ihn glauben? Das ist schon seltsam. Übrigens möchte ich Sie darum bitten, nächstes Mal den Luftweg zum Transport zu benutzen. Ich bin den Weg durch Mauern nicht gewöhnt. Da kann man sich die Ohren zerkratzen."

"Aber Herr Professor, Sie irren sich, wenn Sie mein Stammesritual mit meiner persönlichen Einstellung verwechseln. Und vergessen Sie bitte nicht, dass ich natürlich an IHN glauben muss, an SEIN Schwert, denn meine Kraft ist nur SEIN Abbild, mein Schwert ist nur der Schatten SEINES Schwertes. Jaja, der Schatten, doch mit diesem Schatten kann ich Mauern, die dicker sind als alle irdischen, in Staub verwandeln. Wenn Sie an IHN glauben, glauben Sie auch an mich. Außerdem bleibt Ihnen die rationale Welt verlorener Hoffnungen und ewigen Leides, die Welt, in der Sie es sich so gemütlich eingerichtet haben. Sie Dummkopf."

"Ist das nicht auch eine verlorene Hoffnung?"

Monsignore antworteten mir nicht... Offenbar verlangte sein "Ritual" nach einer Fortsetzung.

Er verwandelte sich... wuchs, zeigte seinen gehörnten Bocksschädel und breitete seine riesenhaften schwarzen Flügel aus... flog in die Höhe.. umkreiste einige Male langsam die Grabeskirche und ließ sie dabei nicht aus den Augen... Es schien, als wollte er sie mit seinem Blick in Staub und Asche verwandeln...

Dann landete er neben mir und war wieder der Geistliche von vorher.

Auf seinem  Gesicht lag ehrfurchtsolle Scheu und fast etwas wie Erleuchtung.

Mit fiel ein altes orthodoxes Sprichwort ein: Der Teufel ist böse und hat viele Gesichter.

Für mich selbst fügte ich hinzu: Er ist reaktionär wie ein alter Politiker.

Wir bewegten uns auf einer breiten Treppe nach unten und gingen durch die Kapelle mit ihren Altaren und den beiden wuchtigen, byzantinsichen Säulen in der Mitte. Sie wurde von einem magischem, rötlich-grünlichem Schein beleuchtet, der aus Hunderten von Hängelampen erstrahlte. Über eine enge Stiege gelangten wir in einen unterirdischen Saal, der stark an eine deformierte Halbkugel erinnerte.

Ihr oberer Teil sah aus, als sei er wie von den Zähnen eines Drachen benagt, der dort seit tausend Jahren angekettet war.

Ich erwartete dort die Mitglieder der Bruderschaft des heiligen Florian in roter Ordenstracht und Kapuzen anzutreffen, die diverse Attribute in den Händen hielten, zum Beispiel Schilde, Helme oder Dreizacke...

Zu meiner großen Verwunderung sah ich stattdessen... ein großes, rundes Glasaquarium, das von unten angeleuchtet wurde. Darin schwammen Goldfische im Kreis um einen unsichtbaren Mittelpunkt. In mir begannen sich Windmühlenflügel zu drehen. Nackte Frauen , die aus einem Gemälde von Paul Delvaux zu stammen schienen, vollführten in tiefer Trance einen Reigen um das Aquarium herum. Ihre schweren Brüste schwankten wie die Köpfe der Hydra. Die Tänzerinnen schauten mit weit geöffneten, undurchsichtig wirkenden Augen auf eine Stelle innerhalb des Aquariums.

Eine schmerzliche Ahnung stach mir ins Herz. Ich stieß eine der Frauen grob beiseite, ging zum Aquarium und drückte meine Nase ans Glas.

...  

Da war es! Mitten im Aquarium kreiste im Zentrums eines quecksilbrig glänzenden Strudels - das silberne Röhrchen mit den Reliquien des heiligen Vito aus dem neunten Saal des Museums von Schloss Grabstein! Darum herum drehten sich Puppenfigürchen im Tanz. Die beiden Pagen, die Gaukler, die Schöne mit der Laute und Frau Fleming mit dem hübschen Gesicht. Sie lächelte obszön und winkte mich heran.

Ich wich vom Aquarium zurück und bemerkte, dass der Monsignore sich wieder in den geflügelten Teufel verwandelt hatte und im Kreis um das Aquarium herumflog, direkt vor mir. Er schaute mit seinen schwarzen Höllenaugen nach mir, lachte und versuchte mich mit seinen Klauen zu ergreifen. Sein Lachen klang wie der Widerhall von Donner.

Der Reigen fiel auseinander, die Frauen verwandelten sich in grässliche alte Hexen. Einen Augenblick später stürzten sie sich mit wildem Geheul auf mich...

Ich versuchte wegzulaufen, vermochte aber keinen einzigen Schritt zu tun. Panische Angst lähmte meinen Willen... Die Hexen rissen mich nieder, fielen allesamt über mich her, ihre langen Nägel und scharfen Zähne gruben sich in mein Fleisch...  

 

Plötzlich war alles still.

Ich öffnete die Augen und erkannte den in hellem Juni-Licht strahlenden Saal im Obergeschoss der stillgelegten Papierfabrik.

Ich saß auf dem Steinboden und hielt das silberne Röhrchen in den Händen. Vor mir befand sich die lebendige Metallkonstruktion, der Desintegrator. Instinktiv warf ich das Röhrchen in eine der Öffnungen des Apparates, aus denen bläuliches Feuer quoll.

Der Desintegrator schluckte die Reliquie... und verschwand nach wenigen Sekunden.

Mir fiel wahrhaftig ein Stein vom Herzen.

Ich stand auf und sah aus dem Fenster. Der Blick auf Schloss Grabstein war wirklich sehr eindrucksvoll.

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)



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