Igor Schestkow "Seele der Sachsen"

 
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Kreuzigungsaltar in der Jakobikirche, Chemnitz, um 1505.
 
 
 
SEELE DER SACHSEN
 
(Vortrag in der Jakobikirche Chemnitz, 28. Mai 2002)
 
Die alte sakrale Kunst ist für mich kein Relikt, sondern etwas Lebendiges. In diesem Sinne werde ich über diesen Flügelaltar sprechen - nicht vom Podest der Kunstwissenschaft, sondern wie ein moderner Mensch, der die geistige Weltanschauung von gestern noch nicht vergessen hat.
 
Der Flügelaltar, der hier steht, wurde in den Zwickauer Werkstätten vom Maler Hans Hesse und Bildschnitzer Peter Breuer geschaffen. Er ist nicht datiert und nicht signiert. Es gibt kein zeitgenössisches Dokument, welches die Entstehungszeit und die Autorenidentität bestätigt. Aber nach der Stilanalyse und dem Vergleich mit den datierten, signierten und dokumentierten Werken von Hesse und Breuer kann man annehmen, das Entstehungsdatum des Altars ist um 1505. Die Flügelmalerei (außer an den Rückseiten) und die Holzfigurenfassung sind von Hans Hesse, die Schnitzerei - von Peter Breuer. Vermutlich arbeiteten sie separat und wurden auch separat bezahlt.
Der Flügelaltar wurde von den Stiftern für die Chemnitzer Johanniskirche bestellt und hat die gesamte turbulente Geschichte der Kirche miterlebt. Seine Teile waren dort bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Seit 1970 ist er hier, in der Stadt- und Marktkirche St. Jakobi. Der Kammeraltar spielt die Rolle eines großen Parade- und Hauptaltars, der seit 1503 hier wirklich stand und mit mindestens 10 Metern Gesamthöhe zu den größten Altären Sachsens zählte (er wurde 1792 wegen Einsturzgefahr abgebrochen, die vier Flügelgemälde werden hier jedoch aufbewahrt).
 
Der ursprüngliche Kreuzigungsaltar ist zerstört. Der Schrein, die Predella und das Gesprenge sind verloren, aber eine alte Beschreibung (von Lehmann, 1763) macht es möglich, sein Aussehen zu rekonstruieren, und die erhaltenen Flügelgemälde legen seine Maße fest. Den neuen Schrein füllt eine originale Breuer-Figurengruppe: die Kreuzigung Christi mit Maria, Johannes (der Jünger Christi) und der am Kreuzesfuß knienden Magdalena.    
 
Auf dem linken Flügel wurden dargestellt: (links oben) Wolfgang, Andreas, Jakobus d.Ä., unten: Katharina, Margarethe, Barbara sowie die kniende Frau des Stifters mit 2 Kindern. Auf dem rechten Flügel: Johannes d.T., Georg, Sebastian, Erasmus (?), unten: drei nur in den Umrissen erkennbare weibliche Heilige und Stifterfiguren.
Auf den Rückseiten der Flügel sehen wir nicht von der Hand Hesses stammende Bilder: Anbetung der Könige und Flucht nach Ägypten (um 1570). 
Die Komposition und der Inhalt wurden von Auftraggebern bestimmt. Der Stil und konkrete Details waren Sache der Künstler, die sich damals nicht als solche verstanden haben und ihre Aufgabe wie ein Handwerk und sich selbst als fromme, mühevolle, fast anonyme Meister betrachteten.
Ich denke, dass das auf dem Kreuzigungsaltar dargestellte exotische Ensemble von Heiligen - die Namen und das Berufspatronat der Auftraggeberfamilien widerspiegelt.
Die Vorderseiten der Flügel wurden am Ende des 17. Jahrhunderts grob übermalt. 1918 ist diese Malerei in der Werkstatt der Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler in Dresden beseitigt worden. Diese Übermalung und ihre Beseitigung hat die gesamte Ansicht der Malerei so beeinträchtigt, dass wir die Arbeit von Hans Hesse leider nicht mehr genießen können.
 
Die geschnitzten Figuren haben bis zum heutigen Tag nur geringe Beschädigungen erlitten - lediglich die linke Hand von Magdalena ist fast eine Ruine geworden. Die Fassung aller Figuren ist mit kleinen Ausnahmen original. Das Kreuz ist neu.
 
1763 beschreibt Lehmann das Aussehen des Schreins: Diese Bildung war schön vergoldet und gemalet, und an eine künstliche vergoldete Tafel angeheftet, darauf auch noch drey Engel mit lebendigen anmutigen Farben gemalet, so zu den bluttriefenden Wunden an den Händen und Füßen Jesu gewisse goldene Kelche hielten. Der Rand dieses Kastens war mit einigen durchbrochenen Zierathen eingefaßt.
 
Das Vorhandensein der Engel, die das Blut des Gekreuzigten in Kelchen auffangen, betonen einen liturgischen Akzent auf das Blutopfer Christi und die katholische Verehrung des Heiligen Blutes. Der Breuer-Altar war und ist nämlich ein Altar, ein Platz, wo das Opfer und die Wandlung passierten und nicht ein Kunstwerk zum Amüsieren des Publikums.
Leider ist diese Malerei verschollen. Aber für die Breuer-Plastik ist es gut. Die Holzfiguren heben sich vom goldenen Hintergrund ab, sie stehen triumphierend in symbolischer Einsamkeit. Jede Figur wirkt wie ein hieratischer Konzentrationspunkt. Die ganze Komposition - wie ein erstarrtes und doch wirkendes dreidimensionales Gebet.
 
1721 wurde der Altar abgetragen und Figuren der Kreuzigungsgruppe an der Kanzel des von dem Chemnitzer Bildhauer Christian Sättiger neu geschaffenen Kanzelaltars angebracht. Dieser Altar wurde 1874 abgebrochen.
Die letzte Restaurierung erfolgte 1972 im Auftrag des Instituts für Denkmalpflege Dresden.
 
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Christus, Kreuzigungsaltar in der Jakobikirche, Chemnitz, um 1505
 
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Hl. Johannes, Kreuzigungsaltar in der Jakobikirche, Chemnitz, um 1505
 
 
Im Würzburger Ratsbuch von 1492 wurde ein Peter Brewer von Zwicka ... malergesell... erwähnt. Es heißt: Peter Breuer ist etwa 1472/73 geboren. Möglicherweise in Zwickau, oder irgendwo in der Nähe. Wo er genau geboren wurde, wo er seine erste Ausbildung erhielt, wissen wir nicht.
Es heißt auch, dass der junge, ungefähr 20-jährige Peter Breuer 1492 in Würzburg ein Handwerk erlernt hat. Wo genau, in welcher von den zahlreichen Würzburger Schnitzer-Werkstätten wissen wir auch nicht, aber eine gewisse Stilähnlichkeit lässt vermuten, dass es die Werkstatt vom berühmten Tilman Riemenschneider war. Andere charakteristische Eigenschaften lassen behaupten, dass nach den Würzburger Jahren der Geselle Breuer eine Zeit lang in Ulm, im Kreis von Michel Erhart war. Dies bezeugt zum Beispiel schon der flüchtige Vergleich der berühmten Zwickauer Beweinungs-Gruppe von Peter Breuer mit dem Vesperbild von Michel Erhart in der Kapelle zu Untereschach. 
Nach seinen Gesellenreisen kehrt Breuer ungefähr 1497 nach Zwickau zurück. 1497 wurde der Altar zu Steinsdorf datiert, dessen Schnitzfiguren die frühesten von Peter Breuer sind. 
Die ersten sechs oder sieben Jahre selbständiger Arbeit (1497 - 1504) war die beste Periode von Peter Breuer. Ohne eigene Werkstatt, ohne eigenes Haus, ohne Frau, Kinder, Gesellen, ohne finanzielle Abhängigkeit, ohne richtige Sorgen schafft er seine besten Werke - seine Heiligen tragen Züge der mystischen Jugend,  der geistigen und körperlichen Unschuld. Sie sind sichtbare Zeugen der Welt vor dem Sündenfall. Ihre besondere undefinierbare Schönheit korrespondiert mit Texten von mittelalterlichen Mystikern. Z.B.  Mechthild von Magdeburg schreibt in dem Traktat: Das fließende Licht der Gottheit folgendes:
Adam und Eva waren gebildet und adelig geschaffen nach dem ewigen Sohne, der ohne Anbeginn aus seinem Vater ist geboren. Dann gab Gott Adam aus herzlicher Liebe eine wohlgezogene, edle, schmucke Jungfrau, das war Eva. Ihre Leiber sollten rein sein, denn Gott schuf ihnen niemals Glieder der Schande, und sie waren gekleidet mit Engelsgewande. Ihre Kinder sollten sie gewinnen in heiliger Minne, so wie die Sonne spielend in das Wasser scheint und doch das Wasser unzerbrochen bleibt.
 
Diese Beschreibung kann man wie ein Kredo vom jungen Meister betrachten. Die Spuren von der praktischen Anwendung einer solchen mystischen Konzeption merken wir auf allen frühen Breuer-Arbeiten. Um nicht weit zu fahren, können Sie z.B. die Kirche in Kleinolbersdorf (Vorort Chemnitz) besuchen und das dort aufbewahrte Breuer-Werk betrachten. Noch tiefer prägte sich diese Schönheit der Unschuld in den Figuren des Altars aus Söllmnitz (Stadtmuseum Gera) ein. Auf den männlichen Gesichtern sehen wir eine gewisse Bestürzung vor dem Sündenfall, auf weiblichen - linde Mattigkeit.
Zu den besten Arbeiten Breuers gehören: der Hochaltar der Nikolaikirche in Zwickau (auch zusammen mit Hans Hesse, um 1500, jetzt - im Grassimuseum, Leipzig), die Beweinung Christi (Marienkirche, Zwickau, um 1502) und der Chemnitzer Kreuzigungsaltar (Jakobikirche, um 1505).
Erst 1504 wird Peter Breuer Zwickauer Bürger. Im gleichen Jahr hatte er ein Hausgrundstück vor dem Tränktor gekauft. Später wurde dieses Haus mit 60 Gulden bewertet - Peter Breuer gehörte zur Mittelklasse. Das Haus stand außerhalb der Stadtmauer. Schon dem nächsten Krieg, dem Schmalkaldischen von 1547, fiel Breuers Wohnstätte zum Opfer. Spätestens 1504 hat Meister Breuer geheiratet. Seine Frau hieß Barbara Rudel. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, zwei Söhne: Matthes und Hans und eine Tochter Walpurg.
Bürgerrecht, Heirat, eigenes Haus, eigene Werkstatt - all das war Zeugnis, dass der damals 32-jährige Peter Breuer Meisterschaft und Akzeptanz erreichte. Leider nicht in seiner Stadt, nicht in Zwickau. Seine Auftraggeber waren fast ausschließlich die wachsenden Kirchengemeinden in der Umgebung. Seine Werke befinden sich im Areal, welches sich nach Süd - bis Plauen, nach Ost - bis Freiberg, nach Nord - bis Leipzig (und weiter) und nach West - bis Gera erstreckte.
„Nehmen wir nur datierte Werke, so zeigen sie, dass seine Beschäftigung immer mehr anstieg: 1504 ist der Altar von Nauhain bezeichnet, 1506 der Gersdorfer Annenaltar und der Altar von Schönau, 1508 der zu Thurm, 1509 der von Stangengrün. Von 1509 an findet sich auf den meisten Altären neben der Jahreszahl auch die Namenanschrift: 1509 und 1510 in Härtensdorf und Gersdorf, 1512 und 1513 in Callenberg und Dobia, 1513 in Ursprung, 1514 in Cranzahl und Vielau, 1515 in Neudorf, 1516 in Röthenbach, 1520 in Gulitzsch, 1521 in Kirchenberg. Daneben entstanden zahlreiche weitere Werke, die weder datiert noch signiert sind“ (Hentschel).
Man kann mit Zuversicht behaupten: 1504 - 1521 waren Jahre des finanziellen Erfolges der Breuer- Werkstatt zu Zwickau. So etwas kann man leider nicht über die künstlerische Qualität der Breuer-Plastiken sagen. Seine Altäre wurden pompöser, weltlicher, prachtvoller, als Handwerk besser, aber sie verlieren etwas, was viel wichtiger ist als die Qualität, als der finanzielle Erfolg, als die Reife. Sie verloren allmählich ihre Markenzeichen, das, was sie mit „Schönen Madonnen“ verbindet - eine besondere naive Schönheit, Feinheit, Frische. Sie verloren Unschuld. Das kann man mit Stimmbruch in der Pubertät vergleichen. Der Meister wollte nicht oder konnte nicht mehr mit hoher Stimme singen und, um weiter zu wachsen, hatte er wahrscheinlich keine Kraft.
Die Gesichter von seinen Madonnen und weiblichen Heiligen wurden runder, alltäglicher, aber nicht realistischer - eher langweiliger. Die Trauer verwandelte sich in Weinerlichkeit, die Schönheit - in Süßlichkeit, die Freude - in Pflicht, froh zu sein.
Die Auftraggeber merkten es nicht - sein Unternehmen war stark und florierte.
 
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Maria, Kreuzigungsaltar in der Jakobikirche, Chemnitz, um 1505
 
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Magdalena, Kreuzigungsaltar in der Jakobikirche, Chemnitz, um 1505
 
 
 
Im Jahre 1511 erwarb der Meister einen Garten auf dem Weidicht am Brückenberg, dann im folgenden Jahr einen Acker hinter der Heiligen-Geist-Kirche. 1513 kaufte er für 200 Gulden noch zwei Äcker, Wiesen und Teiche im Pöhlauer Grund. 
 
Alles wäre schön, aber die Zeit liebt es nicht, uns zu lange stagnieren zu lassen. 1521 schuf er sein letztes Altarwerk. Das Gewitter ist ausgebrochen. Wie die meisten seiner Zunftgenossen wurde auch Breuer in den Strudel der Reformation hineingezogen.
1522. Nach den Predigten von Friedrich Myconius und Thomas Müntzer und unter dem Einfluss von Karstadt  ereigneten sich erste Bilderstürme in Zwickau. 1524 wurde die Nikolaikirche geschlossen. Ab 1529 begann eine Kirchenvisitation. Die sakrale Kunst wurde vernichtet oder mindestens von den Kirchen entfernt.
Breuer hat keine Arbeit. Die Werkstatt ist ruiniert. Die Lehrlinge gehen auseinander. Breuer verkauft fast alles, was mit solcher Mühe angeschafft wurde. Er borgt Geld.
Ich denke, für den Meister waren die psychologischen Qualen noch schlimmer als der finanzielle Flop. Nach neuer lutherischer Ideologie durften sakrale Statuen nur rationale Rollen spielen. Im besten Fall waren sie die tolerierten Evangelien-Illustrationen. Breuer konzipierte sie jedoch ganz anders - als Gefäße für seine Tränen, für seine Freude und seine Trauer.
Was für eine Schicksalsironie! Die Breuer-Werke haben die Bilderstürme überlebt, nicht weil sie wunderschön waren. Nein, lediglich, weil sie in kleinen, unbedeutenden und von Ereigniszentren entfernten Orten aufbewahrt wurden. 
 
Am 12. September 1541 starb Meister Peter Breuer. Die Söhne des Meisters haben das väterliche Handwerk nicht weitergeführt. Matthes wurde Bäckermeister, Hans Tuchmacher. Die Tochter heiratete nach dem Tod des Vaters einen Gerber. Deutschland ist langsam in die frühkapitalistische Epoche eingetreten, der Bildschnitzer aus Zwickau wurde für 300 Jahre vergessen.   
Erst Dr. Emil Herzog, der erste Erforscher der Zwickauer Geschichte führte im Jahr 1839 Peter Breuer als ältesten ihm bekannt gewordenen Zwickauer Maler an.
Der berühmte Kunstwissenschaftler Eduard Fleisig hat fast 70 Jahre später eine umfangreiche Gruppe von Altären und Figuren stilkritisch zusammengebracht und sie Peter Breuer zugeschrieben. 1951 wurde eine umfangreiche Monographie über Peter Breuer von Walter Hentschel veröffentlicht. Das ist ein klassisches Buch, und ich empfehle jedem, der an alter sächsischer Kunst Interesse hat, es zu lesen. Ich zitiere hier einige Passagen daraus, ohne sie speziell auszuweisen.   
 
 
Nach dieser kurzen Biographie möchte ich zum Mittelschrein des Kreuzigungsaltars zurückkehren.
Die ausführlichste Beschreibung der Kreuzigung Christis gibt uns das Johannes-Evangelium. Der Text und sein Geist sind selbstverständlich bekannt, trotzdem möchte ich manche Schlüsselpassagen fragmentarisch zitieren und kurz kommentieren:
Und er selbst trug sein Kreuz und ging hinaus nach der Stätte, genannt Schädelstätte, die auf hebräisch Golgatha heißt, wo sie ihn kreuzigten, und zwei andere mit ihm, auf dieser und auf jener Seite, Jesus aber in der Mitte.  
Das Evangelium erwähnt drei Gekreuzigte - Breuer seinerseits lässt nur Jesus im Zentrum der fast symmetrischen Komposition hängen. Die furchterregende Golgatha, der Hinrichtungsort wurde von Breuer in einen sakralen, vom goldenen Licht überschwommenen quadratischen Raum verwandelt.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria des Kleopas Frau, und Maria Magdalena. Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, den er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich. 
... Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.
... einer der Soldaten durchbohrte mit einem Speer seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.
Auf Breuers Werk sehen wir das geneigte Haupt in der Dornenkrone und das Blut der durchbohrten Seite. Christus übergab seinen Geist. Auf dem Kreuz hängt nur der halbnackte gequälte Körper.
Breuer reduziert die neben dem Kreuz stehende Gruppe bis auf 3 Personen. Maria und Johannes schauen nicht mehr auf den Gekreuzigten - sie trauern und gucken uns an, sie laden uns zur Trauer und Meditation. Johannes trägt ein Buch in der Hand - es ist das noch nicht von ihm geschriebene Evangelium. Er glaubt an die Worte des Lehrers - er trauert, aber hofft auf Auferstehung. Marias Trauer ist tiefer - sie weiß, der Schmerz vergeht nicht bis zum Lebensende.
Magdalena kniet vor dem Kreuz. Es scheint - sie kann noch nicht begreifen, dass der Lehrer tot ist. Sie guckt ihn mit einer Mischung von Bewunderung, Trauer und Liebesekstase an. Vielleicht sieht sie seine Höllenfahrt oder erahnt die Ereignisse, die am kommenden Sonntag passieren.
Die für Breuer bestimmt bekannte Legenda Aurea (von Jacobus de Voragine) spricht so über Magdalena: Es sprechen etliche, daß Maria Magdalena Sanct Johannes des Evangelisten Braut sei gewesen; und da sie Hochzeit wollten halten, rief der Herr den Johannes zu sich von der Hochzeit: da ward sie zornig, daß sie ihres Gemahles beraubt war, ging hin und ergab sich aller Wollust. Doch sollte es nicht sein, daß Johannes Berufung eine Ursache wäre der Verdammnis, darum brachte sie Christus mit großem Erbarmen zur Buße. Und weil er sie von den höchsten leiblichen Lüsten kehrte, so erfüllte er sie dafür mit der höchsten geistigen Liebe, die über aller anderen ist, mit der Gottes Minne.
 
Leider können wir Magdalenas Antlitz nur von unten und im Profil sehen und deswegen ist es schwer für mich zu beweisen, wie tief diese Charakteristik zu Breuers Magdalena passt.
Vor zwei Jahren habe ich den Altar von einer Leiter aus fotografiert und nur dann verstanden, wie schön, stark und vielfältig die Antlitze von allen 4 Figuren sind. Es ist schade, dass der Breuer-Altar so hoch steht. Das ist gegen Sinn und Willen von Breuer, der auf keinen Fall ein Monumentalist war. Seine Gestalten zeigen ihre subtile Kraft nur bei direktem, fast körperlichen Kontakt zwischen Statuen und Gläubigen. Nur dann offenbaren die Breuer-Figuren ihren verborgenen Sinn, ihre geistige Schönheit, nur dann können sie ihre Aufgabe erfüllen: Der Materie zeigen, wie sie sein kann und den verzweifelten Seelen eine Hoffnung der Barmherzigkeit geben.
 
Man kann natürlich nicht behaupten, dass Peter Breuer so etwas wie ein großer Meister, Bahnbrecher oder Erfinder war. Nein, Breuer war mehr Traditionalist. Mit dem Vorbehalt, dass die Tradition, der er folgte hier in Sachsen gar nicht existierte. Meister Breuer hat Methoden von Figurendarstellungen und das entsprechende Handwerk von Riemenschneider und Erhart übernommen. Aber er hat die Wurzeln der heimatlichen Kunst nicht abgeschnitten. Um es zu begreifen, kann man z.B. die Maria-mit-dem-Kind-Figuren aus dem Kraftsdorfer Altar (um 1470) vom unbekannten provinziellen Meister und aus dem Steinsdorferr Altar (1497) von Peter Breuer vergleichen. Breuer hat die lokale Tradition in seinen Stil integriert.
Er war kein Realist wie Veit Stoss, hatte wie schon gesagt wenig Verständnis zum Monumentalismus wie beispielsweise die Bildhauer der Freiberger Schule. Er war auch gleichgültig zu neuen Kunsttendenzen, die von solchen Malern wie Dürer oder Cranach vertreten wurden, obwohl ihre Kunst ihm mit Gewissheit bekannt war. Eher tendierte er zum weichen Stil von Martin Schongauer - unsere Kreuzigung hatte einen  Prototyp: den Kupferstich vom Colmarer Meister Christus am Kreuz mit vier Engeln.
Breuer arbeitete und lebte zwischen den Epochen. Die sakrale Weltanschauung übergab in seiner Zeit die führende Rolle der rationalen, postreligiösen Lebensphilosophie. Peter Breuer gehörte zu beiden Welten, die nicht nur miteinander gekämpft haben, sondern auch bizarre Hybriden schafften. Die gotische Kunst, ihre hieratischen Schemen erfüllten sich für kurze Zeit mit neuer Menschlichkeit, mit neuer Vertraulichkeit, mit neuer Verletzbarkeit, mit frischem Saft eines, sich erneuerten Lebens. Breuers Heilige sind Halbwesen, Mischlinge. Sie haben eine Doppelnatur - himmlisch und irdisch, mittelalterlich und modern. Die Madonnen und Heiligen vom frühen Breuer waren zarte Blumen, schöne, nicht lebensfähige Kinder von Zeitrissen, himmlische Wesen, die irdische Blutspende erhielten, Elfen, die nicht erwachsen werden durften. Als die neue Welt die alte besiegte, sind sie spurlos verschwunden. Ein zärtliches Gefühl, das sie hinterließen, ist vielleicht die einzige bis zu unserer Zeit verbliebene Spur von der vergessenen Seele der Sachsen. Die Seele, die der sanftmütige Meister Breuer uns direkt zeigt. 
Für später gekommene Barockmeister, für Realisten und Naturalisten war Breuers Kunst kindisch. Für gotische Bauhüttenmeister wäre seine Kunst zu menschlich, zu individuell.  Für uns, in einer geistigen Wüste lebenden, ist seine Kunst eine Quelle, die gütige seelische Erschütterung und Erfrischung bringt. Warum trinken wir nicht davon?
 

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