Igor Schestkow "Picknick der Engel"

 
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PICKNICK DER ENGEL
OBJEKTKÜNSTLER FRITZ SCHÖNFELDER
 
 
Der berühmte Esoteriker und Spezialist für fliegende Teller, D., antwortete auf die Fragestellung „Gab es in Chemnitz Außerirdische?“ mit Überzeugung: „Ja, es gab sie.“ Und fügte hinzu: „Sie landeten auf dem Sonnenberg.“ Seit man mir dies erzählt hat, ertappe ich mich dabei, dass ich unbewusst Bestätigungen für diese unverfrorene Behauptung eines verantwortungslosen Mystifizierers suche. Klare Sache - er hat gelogen, weil er wusste, dass es nicht möglich ist, seine Aussage zu überprüfen. Und wenn er aber nicht gelogen, sondern intuitiv die Wahrheit erfasst hat?
In diesem Fall müsste auf dem Sonnenberg irgendwas zurückgeblieben sein, wenn nicht in der materiellen Schicht, so doch zumindest in den Seelen der Menschen, ihren Gedanken und in den regionalhistorischen Tendenzen. Es kann nicht sein, dass Ankömmlinge aus fremden Welten, die sich an hiesigen Orten aufgehalten haben, dort keinerlei Spuren von sich hinterlassen haben!
Und wenn man nur richtig sucht?
Bestens bekannt ist die Tatsache, dass „Engel“ keine Roboter sind und Erholung brauchen, dass sie kleine „Picknicks“ veranstalten. Möglicherweise fand eben ein solches Picknick der Engel irgendwann bzw. wenn man die obigen Aussagen berücksichtigt, findet es ständig auf dem Sonnenberg statt? Und vielleicht nahmen an ihm die kapriziösesten Vertreter des gesamten Geschlechts teil - Engel der Geschichte,  Aufschneider und Spötter?
 
Leider habe ich weder genügend Zeit noch Wissen, um dieses für die Bewohner des Sonnenberges so überaus aktuelle Problem angemessen tiefgründig zu studieren, einige mir bekannte Fakten führe ich aber dennoch an.
Es entspricht nicht der Wahrheit, dass der Sonnenberg seinen Namen von einer unansehnlichen Kneipe bekommen hat. In prähistorischen Zeiten stand an der Stelle, wo sich heute die Markuskirche befindet, ein heidnischer, der Sonne gewidmeter, Tempel, wo menschliche Opfer erbracht wurden. Dunkle Erinnerungen an dieses auf einem Berg errichtete Gotteshaus, auf dem nach den Worten eines römischen Chronisten „nie ein Schatten fiel und wo nie die Sonne unterging“, veranlassten die Nachkommen dazu, dem zukünftigen üblen Stadtteil so einen fröhlichen Namen zu geben.
In den Zeiten des tiefsten Mittelalters wurden auf den Gipfeln des Sonnenberges Hexen und Zauberer verbrannt, die nach unbestätigten Angaben geschworen haben, aus dem Jenseits zurückzukehren und Rache zu nehmen.
Während der Industrialisierung ereigneten sich in den Fabriken des Nachts seltsame Dinge, über die es nur vage, schriftlich nicht festgehaltene Gerüchte gibt – die Maschinen begannen, von selbst zu arbeiten, Riesen-Nähgarnspulen fingen an zu tanzen, in den Werkhallen wandelten halbtransparente Gespenster und - wie mir ein nüchterner Nachtwächter erzählte – „boten sie verschiedene unanständige Posen dar.“
In der Epoche der „Goldenen Zwanziger“ verschwanden nach Aussagen des hochgeschätzten Autors der Dokumentarchronik „Kannibalen des Sonnenberges“, in diesem, vom Lumpenproletariat überfüllten Stadtteil, wo es von billigen Prostituierten nur so wimmelte, Menschen, und später fand man dann in dunklen Ecken und schrecklichen Kohlenkellern menschliche sterbliche Überreste. Solche Funde – und mitnichten irgendwelche Schlägereien – gaben der damals berühmten Bierkneipe „Kaiserkrone“ den Spitznamen der „Blutige Knochen.“
Im März 1930, während des  SA-Truppen-Aufmarsches in der Hainstraße (später umbenannt in: „Straße der SA“) kreisten am Himmel angeblich riesige Raben mit schwarzen  Schnäbeln und roten Augen.
Am 9. März 1933 sahen viele Bewohner des Sonnenberges über dem Haus der Dresdner Straße 38 einen riesigen dunklen Ring. Er hing in der Luft und innen drin bewegte sich eine dunkle Luftmasse. Man erzählt sich, dass sie die Gestalt eines menschlichen Schädels hatte.
Im Jahr 1944, genau zu dem Zeitpunkt als man den Kupferbelag vom Dach der Markuskirche abzog, um ihn in Granaten umzugießen, hat eine Vielzahl von Leuten ein vom Himmel kommendes schreckliches Gestöhne, Geheul und Gezische, und während der unheilvollen Luftangriffe im darauffolgenden Jahr, von denen der Sonnenberg nahezu verschont blieb, ein seltsames Lachen sowie ein geheimnisvolles Läuten Tausender Glocken gehört.
1946 ist das Körner-Denkmal vom gleichnamigen Platz spurlos verschwunden. „Das waren die Russen! Das waren die Kommunisten!“ – sagten viele, doch der hochbetagte Valentin Altmayer schwor, „...dass das Denkmal von allein seinen  Sockel verlassen hat und mit dem Säbel in der Hand in Richtung Augustusburg verschwunden ist.“
Während der sowjetischen Besatzung wurden im nahe gelegenen Zeisigwald angeblich erschreckende Experimente mit Psychowaffen von den Deutschen durchgeführt, die nach Aussagen von Opfern hauptsächlich gegen russische Frauen eingesetzt wurden (wovon diese dann an Tollwutanfällen litten).
Im November 1989 haben die Schwestern von Rippach – Bewohnerinnen des Sonnenberges – am nächtlichen Himmel seltsame, in verschiedenen Farben leuchtende Streifen gesehen. Die Streifen waren gebogen („so wie Bananen“, sagte die jüngere, Marthe von Rippach) und sie erschienen nicht von ungefähr, sondern so als würden sie von jemanden gelenkt werden. Die ältere Schwester, Margarete, behauptete sogar, dass sie wie gigantisch große Buchstaben aussahen, und dass sie ihren Augen nicht glauben wollend am Himmel das Wort „Scheiße“ gelesen hätte, doch Marthe hat dies nicht bestätigt.
Im Februar 1990 wurden – keiner weiß, von wem und wie – unter ungeklärten Umständen aus Zweinigers Ballhaus die Bleiglasfenster und das Parkett gestohlen. Die dortigen Anwohner glauben, dass auch hier nicht alles – wie man früher sagte „mit rechten Dingen“, heutzutage würde man formulieren „ohne die Hilfe von Außerirdischen“, zuging – und im Mai desselben Jahres ist der Ballsaal abgebrannt, die Flammen des Brandes waren sogar vom Heckert-Gebiet aus zu sehen.       
 
Ich erlaubte mir, ein wenig zu scherzen, nicht etwa, weil ich die hochverehrten Leser in Stimmung bringen bzw. böse machen möchte. Es ist nicht möglich, das Schaffen von Fritz Schönfelder ohne Berücksichtigung seiner zwei Grundvoraussetzungen – des phantastischen bzw. surrealistischen Verständnisses von der Form und des realistischen, dramatischen sowie zutiefst persönlichen und emotionalen Erlebens der Geschichte –  zu beurteilen. Die Arbeiten Schönfelders sind der Form nach surrealistisch und dem Inhalt nach realistisch. In diesem Widerspruch liegt seine künstlerische Kraft verborgen, darin zeigt sich auch seine „soziale“ Richtung. Seine  verseltsamten (d.h. seltsam gemachten) Objekte muss man als Kern, den man nicht von seiner Schale – dem Sonnenberg mit seinen instand gesetzten Häusern und architektonischen Ruinen, seinen Hundert geschlossenen und einem Dutzend geöffneten Cafes, seinen vulgären Kindern, Trinkern, Spießbürgern und Autos trennen, nicht von der Geschichte der Heimat Schönfelders – Chemnitz –  loslösen darf.
 
„Aber was haben denn die Außerirdischen damit zu tun?“, höre ich die Frage eines  misstrauischen Lesers. Alles. Nehmen wir das Unwahrscheinliche an – auf dem Sonnenberg landen Außerirdische. Sie werden von einer Sonderdelegation abgeholt und begrüßt. Diese lädt sie ein, eine Fabrik, eine Garage sowie das Amtsgericht zu besichtigen und zum Frühstück in das Hotel „Chemnitzer Hof“. „Nein“, entgegnen die Außerirdischen, „wir wollen weder Fabrik, Garage noch Gericht sehen, davon haben wir alles selbst im Überfluss. Wir wollen nirgendwohin fahren, sondern uns den Sonnenberg ansehen.“ Die Delegation ist fassungslos. Wohin sollen sie sie bringen, was ihnen zeigen? Das Kino „Weltecho“ ist geschlossen, auch das  „Europa“ eine Ruine. Auf den Straßen zuhauf Hundekacke. Bordelle gibt es keine mehr, auch Museen nicht. Irgendwann gab es mal ein Theater. Womit soll man angeben?
Menschen gibt es ringsherum wenige, manche sind weggegangen, manche haben sich dem Trunk ergeben, manche sind auf die ganze Welt sauer – es ist kein Leben zu erkennen, der Stadtteil ist nahezu tot. Und plötzlich hat einer der Delegationsmitglieder eine Idee – diese Außerirdischen müssen wir in eine Künstlerwerkstatt führen! Sie stürzten los, begannen zu suchen und fanden in der Palmstraße, unter dem Dach eines finsteren Fabrik- und Lagergebäudes die Werkstatt von Fritz Schönfelder. Die außerirdischen Engelsgestalten sahen sie sich an und sagten: „interessant, hier ist es schön, hier werden wir ein Picknick veranstalten.“ Und das taten sie.
 
Fritz Schönfelder wurde am 10. Oktober 1943 in Chemnitz geboren. Etwa bis zu seinem siebten Lebensjahr wohnte er in der Hans-Sachs-Strasse 4. Seine Kindheit verbrachte er zwischen den Ruinen seiner durch Bomben zerstörten Stadt. Steine und Steinchen, Ziegelsteine, Balken, Glas- und Porzellanscherben, Draht, verstümmelte Puppen, kaputter Hausrat usw. –  das war die Umgebung, in welcher seine Generation heranwuchs. Die Kriegskinder spielten in den Stadtruinen und der kleine Fritz hat schon damals aus den Scherben der Zivilisation seine kleinen Kinderwelten und Zoos gebaut. Und das tut er heute noch, nur bewusst, meisterhaft, in ausgereifter Form, unter Verwendung des gesamten Arsenals persönlicher und internationaler künstlerischer Mythen. Das Spröde, die Plumpheit und Antiästhetik sowohl der Grafiken als auch der Objekte Schönfelders lassen sich mit der genetischen Herkunft  seiner Kunst – dem Müll eines zerstörten Lebens – erklären.           
Der Meister rettet das, was der Vergangenheit angehört, verleiht diesem neue Gestalt, schenkt ihm neues Leben. Jenseitiges Leben, in welchem jeder nach seinen Verdiensten belohnt wird. Die Grundlage seiner Kunst (wie auch jeder anderen richtigen Kunst) ist das in das menschliche Programm integrierte Streben nach Wiederherstellung der absoluten Gerechtigkeit bzw. eines mystischen Gleichgewichts des Kosmos – nach der Auferstehung des Toten (indem ein Mensch geboren wird, erfolgt seine Auferstehung aus dem Nichts – lehrt Kabbala).
Indem er wiedergeboren wird, erhält die neue Schöpfung nach den komplizierten Gesetzen der Vergeltung einen neuen Körper, wobei er allerdings das Karma seiner Prototypen erbt. Und mit diesem Karma arbeitet der Meister Schönfelder in seiner surrealistischen Werkstatt.
 
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Die Radierung Afrikanisches Paar aus dem Jahr 1987 fertigte Fritz nach seinen Worten unter dem Eindruck der Platanen-Baumrinde an. Schönfelder hat den Baum lange betrachtet und im Ornament seiner Rinde den Rohkörper einer figurativen Gestalt erblickt. Die folgende Arbeit an der Grafik war die Entwicklung der Naturskizze und deren Fixierung auf Kupfer, anschließend auch auf Papier. Schließlich verwandelte sich die „Platanenrinde“, die mit dem raffinierten expressiv-groben Zeichenstil des Künstlers eine gute Kombination bildet, in das „afrikanische Paar“ - zwei miteinander verschmolzene Figuren eines undefinierten Geschlechts mit Gesichtern, die wirklich an afrikanische Masken erinnern. Die linke Maske ähnelt dem Künstler selbst, sie ist sein fiktives Selbstbildnis (als so eine raue, stille, alte und faltige Platane möchte er sich möglicherweise selbst sehen), die rechte ist seine mystische, afrikanische „Frau.“
Die Genesis dieser Grafik zeigt auf anschauliche Art und Weise das Grundarbeitsschema von Schönfelder, welches man vereinfacht als die Aufeinanderfolge folgender Ereignisse beschreiben kann: Beobachtung der Natur, Auswahl des Materials aus der Natur, Entwicklung des Materials und Schaffung einer neuen Natur.
Die neue von Fritz geschaffene vermenschlichte Natur unterscheidet sich von der alten dadurch, dass sie eine konstruierte Gestalt bzw. einen Kern enthält, der aktiv auf den, die Arbeit  aufnehmenden, Betrachter einwirkt. Die alte Natur ist in der neuen in Gestalt von Elementen, die ihre ursprünglichen Funktionen verloren, ihre normalen Umlaufbahnen verlassen haben und augenblicklich merkwürdig, sonderbar geworden sind, präsent – mit ihnen geschieht die von uns bereits oben erwähnte Verseltsamung. Eine Leiter und alte Schlitten verwandeln sich in der Welt von Schönfelder in Krokodile, Teile des Fahrzeuggehäuses in ein Haifischmaul, ein Spatengriff in einen Phallus, ein schwarzer Schirm in eine Krähe, ein Papierteller in ein Chinesengesicht, ein Kamm in ein Universal-Ordnungsinstrument und ein Platanenstamm verwandelt sich in menschliche Figuren, seine Rinde in Gesicht, Hände, Brust und Bauch.
 
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Fritz Schönfelder Frau und Flugzeuge
 
Auf dem Blatt Frau und Flugzeuge ist eine Frauengestalt mit einem Gesicht, dessen Züge leicht an die Ehefrau des Künstlers – Brigitte – erinnern, abgebildet. Die Zeichnung ist bis zu Konturen vereinfacht. Beine, Hände und Finger sind so kurz wie auf einer Kinderzeichnung, eine Hell-Dunkel-Modellierung fehlt, und Frau sowie Flugzeuge und Erde und Luft – alles besteht aus ein und derselben unruhigen grafischen Materie, übertragen in Form kurzer Striche – Impulsen der Angst, der Besorgnis, des Alarmes. Das sind die Nerven des schöpferischen Raums, das ist die emotionale Wolle, aus welcher auch die aufdringlichen Flugzeuge (erotische Fliegen, wie mir der Künstler erklärte) gewebt wurden.
Die Flugzeuge-Fliegen attackieren offensichtlich die Frau, die – wie in Ekstase – die Augen wie eine Heilige verdreht und den Mund geöffnet hat. Ein derartiges Sujet erweitert bis an die Grenze das Spektrum der Spekulationen über die Genesis dieses Stichs - von der originellen „Anti-Guernica" bis hin zu den französischen Erotikdarstellungen des 18. Jahrhunderts, auf denen Madam Pompadur von fliegenden Phalli mit Flügeln attackiert wird. Für mich ist diese Komposition eine in einem sehr verzerrten Spiegel der Gegenwart der letzten DDR-Jahre gebrochene Widerspiegelung der Bombardierung der Stadt Chemnitz, degradiert bis hin zur Szene der Attacke erotischer Wünsche des Künstlers – in Gestalt böser kleiner Insekten-Flugzeuge materialisiert – auf seine nackte Frau – Deutschland. Mich überzeugt dabei gerade die Stimmung der Unruhe, welche, die klar zum Ausdruck kommende Erotik und nicht zu verbergende Ekstase überwindet. Ich wiederhole: Die Kraft der Arbeiten von Fritz liegt in der Kombination seines sympathischen, hartnäckigen allerdings nicht hypertrophierenden Individualismus und seiner Blutsverbindung mit dem Boden Chemnitz, seiner Bevölkerung und seinem Schicksal. Das Gestöhn der zerbombten und geschändeten Stadt, Bitterkeit und Schmerz eines erniedrigten und sich selbst erniedrigenden Ost-Deutschen – das ist es, was  in die Arbeiten von Fritz die Alarmstimmung hineinbringt, sie nicht komisch und nicht satirisch macht, wie man sich das angesichts ihres an Pop-Art grenzenden Stils vorstellen könnte, sondern sehr bitter, nahezu giftig.
 
Fritz Schönfelder hat zwei Mal studiert. 1968-71 – in der Nähe von Leipzig am Institut für Heimerziehung das Fach Sozialpädagogik, ab 1978 an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung Halle, Abteilung Malerei und Grafik (1981 wurde diese Ausbildung unterbrochen). Diese Duplizität zeigte auch auf seine künstlerische Methode Auswirkung – er verleiht der phantastischen Form eine soziale Gestalt und erzieht die Form.
 
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Fritz Schönfelder, Puppe, 1995
 
Das Kunststoffwerk „Puppe“ erhielt einen neuen – aus Quasi-Kinder-Würfeln geschaffenen „kubistischen“ Körper. Die Puppe geriet in eine Art Gefangenschaft, die beginnend mit dem 20. Jahrhundert üblicherweise als „moderne Skulptur“ bezeichnet wurde. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Die typische „abstrakte“ Form der „modernen Skulptur“ erhielt nicht nur eine Gefangene – die Sonnebergpuppe – sondern zusammen mit ihr auch eine intim kindliche, bedrückende, stark sozial umrissene Gestalt, erhielt, wie paradox das auch klingen mag, eine Seele.
Für mich ist diese in ihrem eigenen, aus blauen und rosafarbenen rechtwinkligen Blöcken bestehenden Körper gefangene Puppe (Variante – in ihrem eigenen Stacheldrahtkleid gefangene Puppe) das Bild der Heimat des Künstlers – der DDR – der verknöcherten, von der Bildfläche zwar verschwundenen, trotzdem aber immer noch im Bewusstsein von Millionen u.a. auch in Gestalt der vulgären Blondine mit den grünen Augen gegenwärtigen Heimat.
 
 
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Fritz Schönfelder, Dogai-Frau, 1996
 
Eines der größten Objekte von Fritz ist die Dogai-Frau, von der Sache her ebenfalls eine riesige, nahezu flache Puppe, die irgendwie an südamerikanische Karnevalsmasken erinnert. Als ursprünglicher Impuls sie zu gestalten dienten Baumaterialreste. „Programm“ wurde ein Text aus dem populären  Dämonologie-Lexikon, auf den wir später zurückkommen werden.
Bereits beim ersten Blick auf diese gewaltige Figur spürt man, dass sie absichtlich nicht schön gestaltet wurde. Es fällt einem ins Auge, dass der Künstler seine Maske offensichtlich nicht elegant und kompliziert machen wollte. Stattdessen vereinfacht Fritz die Gesichtszüge. Sie sind beispielsweise wie auch in einer Grafik reduziert bis hin zur Einfachheit einer Kinderzeichnung, die Konturen der Figur bis zum Umriss eines Phallus und die Figur erfährt damit ergänzend eine besondere, nicht künstlich ästhetisierte, verstärkte aber  authentische Expression. So wie der Künstler auf Schönheit verzichtet, verzichtet er auch auf Masse und „Stabilität“ der Dogai-Frau. Bei ihren imposanten Maßen (3 Meter Höhe) hat sie kaum das Gewicht einer Schülerin der 2. Klasse. Schönfelder macht prinzipiell keine „schweren, soliden“ Objekte. Für ihn ist es wichtig, ontologische Leichtigkeit und Vergänglichkeit, das, was niemand braucht, das von allen Verlassen-Sein an seinen Gestalten zu bewahren. Der Meister hinterlässt seine mit einem seltsamen neuen Leben erfüllten Objekten als überaus verwundbare, kurzlebige und schutzlose Wesen.
Er schafft sie nicht für die Ewigkeit, eher für irgendeinen zukünftigen aber irgendwie noch nicht begonnenen Karneval.
 
Dogai. In der Glaubenswelt melanesisch-papuanischen Torres-Insulaner grotesk hässliche Totengeister, übernatürliche Frauen mit dickem Körper und langen Beinen, großen Brüsten und riesigen Schlappohren. Als ihr Wohnort werden entweder Berghöhlen oder Felsengipfel  genannt  oder auf flachen Inseln hügelähnliche Seevogelnester. Ihr Getränk ist der Urin der Menschen. Als Geschöpfe einer Gegenwelt sind für diese Wesen alle jene Dinge wertvoll, die von den Menschen weggeworfen werden - wertloser Abfall und moderiges Gerümpel. Sagen berichten  davon, dass Dogai-Frauen Knaben und junge Männer entführen und sie zwingen, mit ihnen ein Eheleben zu führen. Die geraubten Menschen setzen sich mit Speeren gegen die Verfolgerinnen  zur Wehr. Wenn diese getroffen werden, verwandeln sie sich in bizarre Felsformationen...  
 
Die bescheidene Ilustration erlaubt leider keinen echten Vergleich des programmatischen Textes mit dem realen Objekt, aber Leser, die das Original nicht gesehen haben, können mir aufs Wort glauben, dass eine vollkommene Übereinstimmung  vorliegt.
Eine Kleinigkeit bildet dabei eine Ausnahme: Die Frau die der Meister selbst Dogai-Frau nennt, ist gar keine richtige Frau. Davon überzeugt uns der Kistengriff unterhalb ihres Bauches etwas oberhalb vom Schlaginstrumententeller. Der Griff ähnelt vor allem einem Phallus. Ähnliche „Phalli“ kann man, so man sie sich angesehen hat, an vielen Figurenobjekten von Schönfelder entdecken. Nichts desto weniger reicht dieses Beweisstück nicht aus, um dieses Objekt, wenn nicht den Männern so doch zumindest nicht 100%-ig den Frauen zuzuordnen.
Endgültig wird der Betrachter davon überzeugt, dass vor ihm wohl ein Mischwesen steht, da unsere Figur, was Gesicht, allgemeine Körperkonstellation, die Art und Weise des Stehens – Arme gesenkt – betrifft, uns an Fritz selbst erinnert.
Und so steht in einer dunklen Nische der Werkstatt auf der Palmstraße, erschaffen aus von Menschen weggeworfenem Müll sie, und in ihr verbirgt er sich, der Autor, und schaut aus seinem Jenseits ins Diesseits, willenlos die Arme gesenkt, vor Verlegenheit die Schultern angehoben und sucht mit seinen kurzsichtigen Augen seinen Bräutigam, den Betrachter, um ihm zu erzählen, wie die Welt wirklich beschaffen und was in ihr wirklich wertvoll und nicht wertvoll ist. Das Einzige jedoch, wozu der Betrachter fähig ist, ist gleichgültig vorbeizugehen und sich verächtlich abzuwenden und so versteinert die Dogai-Frau in ihrer Einsamkeit.
Das von uns gemalte Bild ist zwar etwas traurig aber leider realistisch. Die Kunst des hervorragenden Meisters fand bisher in seiner Heimat keine Anerkennung - ich hoffe, nur vorübergehend.
 
Ich habe die Werkstatt Schönfelders einige Male besucht und jedes Mal, wie mir zum Schur, war schlechtes Wetter, fiel matschiger Märzschnee, war es windig und die Hainstraße, die ich einen guten Kilometer laufen musste, war irgendwie nicht besonders freundlich, sondern dreckig und menschenleer. Auf dem Weg begegneten mir ein Paar Schüler mit finsteren Gesichtern, ein verwahrloster alter Mann mit Hut und Spazierstock, und noch zwei, drei Leute, die überhaupt keinerlei Auffälligkeiten hatten und eine irgendwie besorgte, ärmlich gekleidete Familie. Ein Mann, offensichtlich kein Deutscher, eine Frau mit erschöpftem Gesicht und ein trauriger 5-jähriger kleiner Junge. Ich konstatierte diesen Umstand und dachte: Man muss dieses Wetter, diese menschliche Tristesse irgendwie mit der Kunst von Fritz verbinden, aber wie? Denn Schönfelder liebt Chemnitz, er bedauert seine Einwohner und ist selbst schlechtem Wetter gut Freund. Er arbeitet viel, diszipliniert und ist mit dem Leben zufrieden. Seine Einsamkeit ist ein rein künstlerisches Phänomen. Er ist ein glücklicher Vater und Ehemann. Ich habe mir den Kopf zerbrochen bis ich seine Werkstatt betrat und mir seine Arbeiten angesehen habe. Es waren viele, möglicherweise Hunderte, vielleicht mehr.
Dutzende großer „Bilder“, oftmals demonstrativ zerschnitten und künstlerisch – grob mit Fäden, Stricken und Schnüren genäht, standen stapelweise an die Wände gelehnt oder waren aufgehangen. Irgendwelche rauen und glatten Säulen mit den Augen der Mona Lisa, mit Stricken verbundene, bunt gefärbte „Figuren“, seltsame Fallen-Stühle,  Keramikgnome mit obszönem Lächeln, irgendwelche – nicht ganz Gräber und nicht ganz Mumien – kreuzförmige Konstruktionen, gruselige rote Holzindianer mit unheilvollem Lächeln, eine schreckliche „Alte“ in einem Rollstuhl, aus Bettfedern, Ketten und Küchensieben bestehende „Metallskelette“ (im folgenden erfuhr ich mit Erstaunen, dass das Johannes der Täufer  und Salome sind), und an all dem hingen einfach Stricke, Stricke mit Steinchen, Stricke mit Glöckchen, Buchstaben und Kugeln. Und eine Vielzahl von Objekten, die ich einfach mit Worten nicht beschreiben kann.
Das alles hatte etwas von einem SM-Salon. Auf jeden Fall spürte man sofort, dass es hier nicht nur um Phantasie sondern auch um Schmerz (auf vielen Objekten waren eingeschlagene Nägel zu erkennen) und Zusammenbinden (frappierend die vielen Stricke) geht. Diese Welt technischer und malerischer Missgeburten aus Pappmaschee war keine menschliche Welt, sie hatte etwas vom Fegefeuer, einer Stätte, wo es Teufel-Ingenieuren gestattet war, menschliche Schwächen zu verhöhnen und diese in Gestalt von Konstruktionen zu materialisieren. Und selbst der Raum dieser Welt war nicht bekannt und geradlinig. Er war schräg. Alle stehenden Objekte standen wie der Schiefe Turm von Piesa – geneigt. Und mit der Farbe geschah auch etwas merkwürdiges: die Grundtöne - rot, gelb, blau, zuweilen auch grün, waren keine Farben sondern Signale eines schizophrenen Semaphors.  Wie tropische Reptilien  warnten sie vor Gefahr.
Und so ein Reichtum an Irrationalität in einer solch grauen und rationalen Stadt! Und wenn man den Gedanken, dass die Arbeiten Schönfelders einzigartige „Kerne“ des Sonnenberges sind, bis an sein logisches Ende führt, so bedeutet das, dass diese halbtote Stadt bemerkenswert untriviale Früchte aufweist. Das bedeutet, dass Chemnitz gar nicht so grau ist.
Oder, das man hier wirklich nicht ohne Engel ausgekommen ist? Nun, sie sind an Chemnitz vorbeigeflogen. Haben sich die Stadt  von oben aus betrachtet und sich gewundert, wie man hier leben kann ohne sich nicht vor Langeweile aufzuhängen? Und haben beschlossen, irgendwie einzugreifen. Aber sie haben auch ihr Regelwerk. Ohne einen großen Extremfall dürfen die Naturgesetze nicht verletzt werden. Und so haben sie beschlossen, jemanden zu etwas vollkommen Unmöglichem zu inspirieren. Und wie im Märchen wählten sie Fritz wegen seiner Ehrlichkeit aus. So vor mich hin sinnend betrachtete ich die Arbeiten und versuchte, sie nicht zu berühren, um mich nicht zu kratzen.
 
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Fritz Schönfelder Verletzte Köpfe
 
An den Füßen der Dogai-Frau entdeckte ich ein relativ kleines aus drei Figuren bestehendes Objekt – „Verletzte Köpfe.“ Die drei aus Holz, Pappe und Papier angefertigten „verbundenen“ Figuren erinnerten irgendwie sehr an meine kürzlichen Eindrücke auf der Hainstraße. Und trotzdem kapierte ich nicht sofort, dass dieses Objekt in  exakter Weise die Gestalt der armen Familie, die mir auf dem Weg in die Werkstatt begegnet ist, wiedergibt. Sowohl die Proportionen als auch die anstelle von Gesichtern „aus Pappe gestalteten leere Stellen“ stellten korrekt das dar, was sogar schwierig zu fotografieren ist - das inhaltslose Leben voller kleinerer Streitigkeiten und Zänkereien, Geldnot, feuchte Nächte ohne Liebe, einen den ganzen Tag laufenden Fernseher, Schimpfereien und jeden Tag – Bier.
Damals war nur ich es, der mitbekommen hat, dass die künstlerische Sprache Schönfelders wie kein anderes Mittel zur Darstellung des Wesens der Existenz des Menschen in Chemnitz geeignet ist. Seine bittere Kunst wird auch deshalb nicht akzeptiert, weil man die soziale Wahrheit spürt und das stößt die Galeristen und deren finanzkräftige Kunden ab. Der Erfolg von Schönfelder wäre gleichbedeutend mit der Anerkennung der  geistigen Katastrophe, in die das deutsche Sozium geraten ist (besser erkennbar im Osten Deutschlands, wo sie sich auch im „äußeren“ Anblick des Menschen materialisiert hat). Eine in Vergangenheit rettende Idee vom rationellen, vernünftigen Weg der Produktion und Konsumtion, vom Weg des organisierten, geordneten und maximal kontrollierten Lebens bricht jetzt zusammen. Das kann nur ein Blinder übersehen. An den Stellen, wo für den DDR-Bürger Patriotismus, Ordnung, Solidarität mit Schwachen und Armen, eigene Bescheidenheit usw. standen, bildeten sich leere Stellen, die man nicht erschöpfend mit dem widerlichen Anschaffungstum – dem Kauf von Waren – der einzigen Beschäftigung, die einem Durchschnittsdeutschen positive Emotionen beschert, auffüllen kann. Und genau diese, aus dem Karma des Volkes geborene Leere, sehen wir auch auf den Objekten Schönfelders. Seine Objekte lügen nicht, sondern sprechen die Wahrheit über die uns umgebende Welt. Aber die Wahrheit ist nicht angenehm für Leute, die an die Lüge gewöhnt sind.
 
Das alles heißt mitnichten, dass Fritz Schönfelder so ein bärtiger Ankläger der sozialen Ungleichheit ist. Natürlich nicht. Die soziale Komponente seines Schaffens offenbart sich von selbst, ohne künstliche Pedalierung. Sie liegt gut versteckt im undurchdringlichen Dickicht seines Zauberwaldes und ist „einfach so, mit einem nicht dazu ausgerüstetem Auge“ auch nicht erkennbar. Nein, Schönfelder ist mit anderen Dingen beschäftigt – er komponiert, baut, färbt, probiert aus, überarbeitet und konstruiert. Er ist Künstler, das heißt, ein Wesen, welches in seinem Wahnsinn sich darum sorgt, dass der Raum sich nicht langweilt, dass die Zeit nicht durch die Finger rinnt, von gelebten Leben nur eine Salzschicht lassend, dass die verschmähten und weggeworfenen Dinge sich mit neuem Leben erfüllen und den Menschen helfen, in der Hektik des Alltags nicht zu verzweifeln. Fritz ist damit beschäftigt, sich mit den Engeln zu unterhalten.
 
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