Igor Schestkow "Michail Schwarzman"

 
 
Schwarzman ist aus den höchsten Errungenschaften der sakralen Kunst hervorgegangen – den Ikonen und der Gotik.
Er war ein Mystiker. Betonte dies in allem: Trug bescheidene und dunkle Kleidung, sprach erhaben, aber konkret und sehr scharfsinnig.
Schwarzman hat den ungeheuerlichen Druck der Macht für die Kristallisierung seiner „Hieraturen“ genutzt. Nachdem der Druck und die Wellen der roten Macht endgültig verschwunden sind, ist Schwarzman gestorben.
 
Die Mehrheit der nonkonformistischen  Moskauer Kunstmaler der 70/80 Jahre hat noch die mit zehn- oder zwanzigjähriger Verspätung in Moskau eingedrungene „westliche“ Kunst wiedergekäut. Sie wiederkäuten und sie ahmten nach, kurzsichtig denkend, dass allein Verzicht auf amtliche propagandaorientierte Kunst eine Qualitätsgarantie ihrer Arbeit ist.
Zur richtigen geistigen Quelle des Ostens  nämlich zur Hesychie und ihrer Materialisation - zur Ikone - haben nur die im religiösen Rausch stehenden Neophyten, die neuen russischen „orthodoxen Kunstmaler“ gegriffen. Ihr Fanatismus und ihre Engstirnigkeit haben ihnen aber nicht erlaubt den Rahmen der kanonischen Schemen und Regeln, die sie mehr oder weniger sklavisch eingehalten haben, zu sprengen. Sie versuchten „neuen Wein in alte Schläuche zu füllen.“
Man kann heute leider nicht nach dem Muster von Andrej Rubljow oder Theophanes der Grieche malen – so etwas zu tun heißt ein Unverständnis ihrer Kunst und ihres Geistes zu demonstrieren. Man kann heute auch nicht eine echtegotische Kathedrale bauen – es gelingt nicht, weil eine moderne mystische Projektion der Architektur eine andere Gestalt als vor 800 Jahren hat.
Die neugemachten Ikonen, die in letzter Zeit Russland überflutet haben, sind trotz der betonten Orthodoxie ihrer Autoren nur talent- oder gabenlos gefertigte Kopien,  freche Herausforderungen zu den unübertroffenen Originalen. Es ist unmöglich „aus Neuem“ eine alte Ikone zu malen – aber man kann Ikonenmalerei als eine Erkenntnisquelle der wahren Natur der Welt, ihrer alles durchdringenden vielschichtigen sakralen Struktur, der im Vergänglichen verborgenen Ewigkeitskeime, benutzen. Man kann malen ohne Ikonen nachzuahmen, ohne Ausbeutung ihrer Methodologie und ihres eigenartigen Verfahrens, aber man kann in ihrem Geiste malen – und das ist in Russland in vollem Maße allein Schwarzman gelungen.
 
Die Moskauer Realität der 70-80er Jahre war ekelerregend – ein armseliges Sozialleben und selbst die Architektur der Neubaugebiete mit ihrer tödlichen Einförmigkeit, Monotonie und schizophrener Geometrie zwangen „nicht offizielle“ Künstler, die Gestalten außerhalb der Grenzen der sichtbaren Welt zu suchen.
Wenn Kandinsky, begeistert vom Streben der Formen und Farben nach Freiheit von ihren Träger in die abstrakten Welten aufflog, dann versteckten sich die im Totalitarismus lebenden Künstler in Abstraktionen vor unerträglicher, den Menschen verfolgender Realität. Kandinsky geriet in Ekstase, wir hatten Angst und litten an Verfolgungswahn. Deswegen waren Kandinskys Abstraktionen Fortsetzungen des wunderschönen Spiels der Kinder mit dem Himmelsvater und die Abstraktionen der sowjetischen „Nonkonformisten“ dagegen nur (in der Regel) düstere, wenn gleich oft bunt gemalte Kompensatoren-Welten. Metaphysisch betrachtet, sind diese Welten – surrealistischen Widerspiegelungen des sowjetischen Mythos, keine Schutz gebenden Burgen, keine Wonne bringenden Gärten oder einfach die Personalhöllen. Mir war in Russland nur eine einzige  Ausnahme bekannt: Michail Schwarzman.
 
Er freute sich. Er zelebrierte. Er zeugte. Im Alltag war er ein Christ, er besuchte die russisch-orthodoxe Kirche, nahm an Kommunion teil, küsste Ikonen, fastete, etc.. Er glaubte ohne Fanatismus und war immer ein „mystischer Optimist.“ Z.B. glaubte niemand an den Zerfall des Kommunismus, alle dachten, es dauert noch 100 Jahre. Er sagte mir im Gegenteil schon Ende der 70iger: „Wissen Sie, ich habe das idiotische Gefühl, dass alles das schon bald beendet sein wird und das Kommende wird nicht so schlimm wie das Gegenwart sein, die Nihilismuswelle sinkt.“
 
Schwarzman meinte nicht, er sei größer oder höher als andere. Er hat sich nur eine Selbstcharakteristik erlaubt: Reif zu sein; z.B. waren Kandinsky und Malevitsch für ihn „Kinder“, oder wie er sagte „stinkende Demiurgen“, und Schemjakin  –  ein „kommunales Wunderkind.“
 
Seine religiösen Ekstasen waren kein Plätschern des Hysterikers, sondern steuerbare, dauernde Explosionen der psychischen Energie des reifen Meisters, der seine körperliche und geistige Fähigkeit vernünftig benutzen kann und in der Lage war „hinter die Grenze des Todes“ zu gehen und fröhlich zurückzukehren. Dem Moskauer Meister war seine Mission gut bekannt, er musste den zerrissenen Stoff der russischen geistigen Tradition wiederherstellen, über die Leere und die Abgründe, die das vernichtende sowjetische System hinterlassen hatte, Brücken schlagen.
 
tl_files/template_sichov/Fotografie/schwarzman tretia struktura kl.jpg
 
Michail Schwarzman, Dritte Struktur, 1967-76
 
Sein Geist ist leicht aufgeflogen, aber nicht nach oben (es gibt dort oben nichts), eher hindurch – durch Realität. Er transferierte in die hieratische Schicht, in die Welt der Archetypen. Eine gewisse Ahnung über diese Schicht gibt uns die „Dritte Struktur“.
Sie ist von Verdichtungen des Lichtes, vom matten Schein der „Sfumato-Substanz“ und nicht von „Materie“ gebaut worden. „Die Struktur“ sieht aus wie eine Kombination eines vertikalen Schnitts der präparierten gotischen Kathedrale und ihrem horizontalen Schnitt. Man sieht die Konstruktionen, die an räumliche Kreuze, Türme und Türmchen, Bogen und Gewölbe und andere veränderte architektonische Elemente erinnern. 
Trotz Geometriesmus und Durchsichtigkeit erinnert der zentrale Teil der Zeichnung an die Figur eines Heiligen von einer alten Ikone. Die Schwarzmans „Dritte Struktur“ ist eine Gottheitspersonifikation, die Gott in seinem architektonischem Aspekt darstellt. Gott zeigt sich hier wie ein mystisches Gebäude, wie eine Lichtkonstruktion.
 
Die wichtige Voraussetzung für Schwarzmans Kunst war seine unerschütterliche Überzeugung, dass sichtbare und unsichtbare, materielle und immaterielle Welten die gemeinsamen, hierarchisch organisierten Strukturen bauen. Diese alles durchdringenden sakrale Strukturen, die im Westen eine eigene Gestalt in der Gotik und im Osten in den Ikonen fanden, hat er Hieraturen genannt. Eben diese Hieraturen in ihrem modernen Aspekt versuchte er in verschiedenen Techniken (Handzeichnung mit "Sfumato-Effekt", Tusche-Zeichnung und Ei-Tempera auf grundierten Brettern) darzustellen. 
 
Die Grundprinzipien für seine künstlerische Arbeit formulierte er wie folgt: „Der Wechsel der Metamorphosen“, „Außerphänomenologisch zu arbeiten“, „Die Sanftmut.“
Diese letzte Formulierung ist mit dem Hauptpostulat der byzantinischen Hesychasten, „so zu leben, um für die Wellen des Heiligen Geistes transparent zu sein“ identisch.
Schwarzman hat es als Sanftmut bezeichnet. Einmal sagte er zu mir: „Wir alle sind Selbstlinge, sind voller Eigenliebe. In der Arbeit muss man aber sanftmütig sein, ganz gleich, wie wir sonst im Leben sein mögen.“ Und ein anderes mal: „Sanftmut! Sanftmut bei der Arbeit. Selbst wenn Sie im Leben ein grausamer, grober Mensch sind; bei der Arbeit nur Sanftmut, sonst gelingt nichts.“ Besonders schlimm für ihn war Hochmut, Neid und der ewige Wunsch der Künstler zu beweisen, sich zu zeigen, zu rächen, alles zu berechnen usw.. Ihm war ganz klar: Die Emanationen des Heiligen Geistes sind allen  zugänglich. Aber nur im erleuchtenden Zustand der Sanftmut kann der Künstler diese heilsamen Wellen durch sich selbst und durch z.B. Papier gehen lassen und ihnen Formen verleihen.  
„Außerphänomenologisch arbeiten“ wurde von Schwarzman als arbeiten, frei von voreingenommenen Konzeptionen, frei von Berechnungen der Vernunft, frei von der immer betrügenden Welt der Phänomene,  verstanden. Er sagte: „Es gehen nur die Phänomene zugrunde.“
Spontanität, oder wie er formulierte, sanftmütige Spontanität, kindliche Nicht- Aufgeladenheit des Geistes mit künstlichen intellektuellen Konstruktionen war sein natürlicher Seelezustand, welchen er wie ein Geschenk wahrnahm und oft seinen Schülern und Anhängern empfahl.
„Der Wechsel der Metamorphosen“ ergibt sich logisch aus den obengenannten Prinzipien. Ein Künstler muss sich nach Schwarzman nicht von der Schönheit und dem Charme der im Prozess des Malens erscheinenden Gestalten beeinflussen lassen. Beim Bleistiftzeichnen schlug er vor, öfter eine Rasierklinge zu benutzen, beim Temperamalen – mit Schichten zu arbeiten, öfter vorherige Schichten mit dem halbtransparenten oder nicht transparenten Farben zu decken, die Schönheit und Expression für die Wahrheit zu opfern.
Die Wahrheit existiert für Schwarzman und hat eine Gestalt – die Hieratur, eine eigenartige Form des Gottheitsdaseins. Paradoxer Weise ist solch eine Hieratur fluktuierend, unbeständig und gleichzeitig strukturell und konstruktiv. Solche bizarre Mechanik hat Schwarzmans Welt.
„Der Wechsel der Metamorphosen ist ein unabwendbarer Prozess“ hat er oft gesagt, „der  gnadenlos wie der Generationswechsel ist; ohne ihn ist ein Bild tot.“ Deswegen sind seine Hieraturen gleichzeitig Polyformen, d.h. die Gesamtheiten der Elemente, die nur im Bewusstsein des Betrachters ihre endgültige Gestalt finden. Und diese Gestalt ändert sich,  reift zusammen mit dem Betrachter.
Seine Hieratur besitzt nicht nur eine versteckte Heiligenfigur, nicht nur einen Heiligentyp oder Archetyp, sondern auch ihre  Entwicklungen und Variationen. Schwarzman gibt so dem gesamten System der russisch orthodoxen Heiligtumsdarstellungen ihren später verlorenen, ursprünglich offenen, kosmischen Charakter zurück. Er zerschlägt den von vielen Gläubigen freiwillig angenommenen Eisernen Vorhang der veralterten Dogmatik und der in Wirklichkeit nicht existierenden Außerordentlichkeit. Deswegen wurde Schwarzman von KGB-treuen kirchlichen Fürsten gehasst und von der nicht vom Nationalismus vergifteten Intelligenz geliebt und verehrt.
Die Hieraturen Schwarzmans bauen eine eigenartige Brücke zwischen der Blüteepoche der Ikone und der neuen russischen religiösen Welle, zwischen denen eine Zeitdifferenz von etwa 700 Jahren liegt. Sie verbindet auch den modernen russischen Mystizismus mit den hohen Errungenschaften schwindender seriöser Kunst des 20. Jahrhunderts. Ungefähr vor 100 Jahren haben dies die Arbeiten eines anderen großen russischen Künstlers getan – Michail Wrubel.
 
Bei Schwarzman beobachten wir Makrowelten, seine Hieraturen sind riesige Konstruktionen, die im parallelen Universum wie veredelte Spaceshuttle in noch nicht abgeworfenen Startrampen langsam einen titanenhaften von Seraphen getragenen Gottesthron umkreisen. Dies alles entspricht in idealer Weise russischen Ideen und Vorstellungen vom übermenschlichen sakralisierten Raum und der unendlich ziehenden metahistorischen Zeit.
 

Zurück