Igor Schestkow "Die Sonne in ihrem Schrein"

 
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Viele klassische und moderne Künstler haben nicht Bilder gemalt, sondern eigentlich Existenzmilieus, neue Welten mit ihrer eigenen Geometrie, Zeit, Oberfläche, ihrem eigenen Himmel, Licht usw. Einer der fanatischen Schöpfer eines solchen neuen Milieus, der neuen Variante einer surrealistischen Welt war Yves Tanguy. Vom Jahre 1927 an bis zum Tode im Januar 1955 entwickelte, komplizierte, erweiterte der Künstler Tanguy's Welt.
Ein dunkelgrauer, bläulicher Ozean, dessen Oberfläche der Betrachter gleichsam von einem hohen, unsichtbaren Ufer aus beobachtet, geht über in einen weißlichen, leuchtenden Nebel, über dem, Wellen gleich, Wolken hängen. Noch höher - ein Himmel mit zart rosafarbenen, kaum sichtbaren Farbtupfern. Wellen, verwaschener, vielfacher Widerschein der Sonne auf ihren beleuchteten Seiten. Die Sonne oder irgendein anderer bläulicher Stern scheint irgendwoher von hinten und von rechts so, dass ein gekrümmter, dichter dunkler Schatten vom gelben Turm nach links fällt. Auf der Oberfläche des Ozeans (oder des Nebels bzw. einer Haut oder einer seltsamen lebendigen Erde) stehen gleichsam biologisch geartete räumliche Körper, „Bionen„, ein gelber Turm, der lange „Stiele„, gleich Stützen, aus sich herausgelassen hat, einige fadenförmige Konstruktionen... Alle Bionen haben eine gewisse Ähnlichkeit mit abgeschliffenen, vielfarbigen Steinchen am Meeresufer oder mit haarigen glattblättrigen Kakteen und Wasserpflanzen. Die offenbare genetische Nähe der biologischen Konstruktionen der Welt Tanguy's und der gleichsam aus farbigem Chitin gemachten Türme auf dem linken (paradiesischen) Seitenbild und im Mittelteil des Triptychons „Der Garten der Lüste„ von Bosch aus dem Prado in Madrid zwingen uns auch, den krassen Unterschied der Wellten dieser fast ein halbes Jahrtausend voneinander getrennten Surrealisten hervorzuheben: Auf Bosch's Leinwänden wimmelt es von Menschen, Dämonen, Tieren; Tanguy's Welt ist nur von Bionen, von Ozean, Himmel, Licht und Raum besiedelt. In ihr gibt es auch nicht die Spur eines Menschen bzw. überhaupt von etwas Menschlichem. Gemächlich und feierlich schwankt der Ozean, leuchtet der bläuliche Nebel, schillern in weichen Farbtönen die seltsamen biologischen Konstruktionen...
           
Es ist ruhig und still. Es ist sehr schön und fast nicht beängstigend. In Tanguy's Welt ist es interessant. In sie möchte man hinein gehen, hinein schwimmen und ohne Eile alle ihre Türme und Pflanzen umfliegen, deren Oberflächen berühren, auf ihnen sitzen, in die Ferne schauend, wo man – sei es hängend, sei es schwimmend – einen Eisberg oder eine Barke oder einen surrealistischen Wal wahrzunehmen glaubt.
Tanguy's Welt ist dem Menschen offensichtlich freundlich gesinnt, was man von den Welten seiner Freunde, der Surrealisten, nicht immer behaupten kann. In Dali's Welt riecht es nach Paranoia, genialer Berechnung, Virtuosität und irgendeiner inneren Schwäche – dorthin zieht es einen nicht. Ernst's Welten sind märchenhaft gut und interessant, doch man kann dort aufgefressen, zerhackt, in ein Echo verwandelt werden, das im lebendigen Dschungel verhallt...
In Delvaux's Welt zieht es nur Fetischisten der weiblichen Brust. Die Welt eines Magritte fesselt Liebhaber von Paradoxa; ohne die entmutigenden Effekte (Bleikugeln fliegen! Finsternis inmitten des Lichts!) wäre er banal realistisch und langweilig. Chirico's Welt ist überfüllt mit Stille und Einsamkeit...
Der große Miro schuf eine Vielzahl wunderbarer Bilder, doch seine Welt liegt in einem flachen, abstrakten Raum und ist für Spaziergänge nicht vorgesehen.
 
Im Laufe der Zeit hat sich Tanguy's Welt entwickelt und kompliziert. Die Bionen sind raffinierter, vielfältiger geworden. Die Türme haben sich mit neuen Hüllen und Facetten überzogen; es erschienen „Bildschirme„, „Stiele„, „Höhlungen„, „Obelisken„, „Kraken„, „Städte„, „Polarlichter„, „härene Wände„, „Biosäulen„, „Biokristalle„...
Stille und eine gewisse Erstarrung, ererbt von Chirico, werden stets in Tanguy's Welt herrschen, der Raum – die Tiefe zeigend, der Himmel – einen nebligen Glanz; der Ozean bzw. ein lebendiges Häutchen des schwankenden Planeten wird sich in Ruhe oder in Wallung befinden, sich zuweilen in Sanddünen, zuweilen in ein Plateau aus erhärtetem Licht verwandeln.
 
Die Bionen-Türme werden nach oben wachsen, spitzwinklige Formen werden sich verbinden mit den dominierenden – den abgerundeten. Die Bionen werden Hohlräume eröffnen, einander berühren oder umflechten. Es werden kompliziert zusammengesetzte Konstruktionen erscheinen, die an Felsen und leichte weiße „Papierblättchen„ erinnern, welche in der Luft schweben oder, gleich Bildschirmen, an den Bionen befestigt sind.
Manchmal zeigen die Bionen ihre „Augen„, die nach surrealistischer Tradition Eigelben ähneln, doch im Unterschied zu Dali's Eigelben rufen Tanguy's Augen keinen Brechreiz hervor.
 
Tanguy's Planet ist etwas in der Art eines universellen Systems, in dessen Rahmen unterschiedlichste Elemente existieren können. Selbstverständlich, wenn sie im Raum existieren, abgerundet und biomorph sind. Tanguy's Welt ist äußerst harmonisch. Ihr Raum ist halbleer. Die freien Kombinationen der Bionen bilden freie Harmonien. Die dramatischen Ereignisse des zweiten Viertels des 20. Jahrhunderts haben in Tanguy's Welt eine gewisse apokalyptische Spur hinterlassen, ohne deren existentielle Einheit zu verletzen.
Die hartnäckige Beharrlichkeit, mit der der Künstler seine Kompositionen kompliziert und vertieft hat, zwingen zum Nachdenken: obwohl Tanguy's Welt für Menschen (oder für sich selbst) erdacht war, z.B. als Variante posthumer Existenz für den Vogel Seele, oder es war dies ein esoterischer Auftrag, ein harmonisches Existenzmilieu zu schaffen für Wesen, die nicht unserer Natur sind, für Elfen oder für Libellen aus dem Jenseits.
 
Tanguy's Welt möchte man  als „Garten der Erholung und des Fluges„ bezeichnen. Das Geheimnis seiner Kompostionen besteht darin, dass die hochkomplizierten Kompositionen der Bionen eine hinreichende innere Vielfalt besitzen, um den kompliziert-figurierten Geist des Menschen aufzunehmen; sie sind ihm äquivalent. Dem Betrachter fällt es leicht, sich selbst zur Gänze mit allen seinen unzähligen Abteilungen und Emotionsstrukturen in die Auftürmungen der Bionen „einzubringen„. Ein nebliger Raum der Seele läßt sich leicht mit dem Raum des Planeten Tanguy's in Übereinstimmung bringen.
Tanguy's Bilder sind keineswegs süß; die Bionen sind keine Zuckerbrötchen und keine Schachtelhalme, obgleich sie auch biologischer Natur sind. Tanguy's Welt ist nicht aus dem Bereich der Galanteriewaren, obwohl einige Bionen auch an bunte Plastikknöpfe erinnern. In Tanguy's Welt gibt es weder Sarkasmus noch Ironie. Weder Gut noch Böse.
 
Eine Flut von Licht und Ruhe. Ein Luftozean für Flüge von Schatzsuchern und Perlenfischern. Was bleibt zurück auf dem Grunde der Seele, auf ihrem wundervollen Gaumen, wenn das salzige Meer von Emotionen und Tränen plötzlich zurückströmt? Was bleibt da liegen im blauen Lichte des Sirius?
 
Jeder Künstler antwortet mit seinem Werk auf diese Frage. Ein Künstler hat kein Recht, Positivist zu sein; er muss glauben an die endgültige Harmonie, an die Unsterblichkeit jenes Tröpfchen der Seele jedes Menschen, das selbst Christus, Buddha oder das Dao ist. Sonst wäre die Welt langweilig, in ihr gäbe es nichts zu tun, und alle Leiden und Tragödien hätten keinerlei Sinn. Einem Künstler muss die Idee der allumfassenden Auferstehung naheliegen. Tanguy hat eine Welt geschaffen, in der er nach der Auferweckung existieren möchte.
 
               
 
 
 

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