Igor Schestkow "Bemerkungen zur Fotoausstellung"

 
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Bemerkungen zur Fotoausstellung
Juli 2004
 
 
Fast alle in der Ausstellung gezeigten Fotos wurden in Chemnitz aufgenommen.
Was ich sehe – das fotografiere ich. Ich gehe spazieren und knipse. Ich verstehe wohl, dass so einfach gemachte Fotos trotzdem subjektiv sind, im besten Fall „verdoppeln“ sie die Realität.
Ich bemühe mich, mit meinem Dabeisein den natürlichen Lauf der Dinge nicht zu stören. Ich benutze eine kleine Digitalkamera, bearbeite meine Fotos am Computer und lasse sie nur selten in einer Fotowerkstatt ausdrucken. Das Bild am Monitor genügt mir vollkommen. Obwohl die konventionelle, analoge Fotografie der modernen digitalen Fotografie überlegen ist,  arbeite ich digital, weil für mich nicht die technische Qualität der Fotos, sondern manche anderen, auf dem Foto fixierten, leider sehr schwer definierbaren Eigenschaften des Daseins wichtig sind.
Die Absurdität des Lebens, der Wahnsinn der Geschichte, die Widersprüchlichkeit der Menschen interessieren mich viel mehr als Fotos an sich, mehr als Komposition oder Tiefenschärfe, mehr als schöne Fotoeffekte.
 
Ich bin ein Immigrant. Die Immigration verwandelt einen Menschen gegen seinen Willen in einen ewigen Touristen. Ich habe mich mit der Rolle des oberflächlichen Beobachters abgefunden.
Ich suche keine Motive, ich lauere nicht wie ein Paparazzo auf fotografische Beute. Ich stehle nicht und ich konstruiere nicht. Ich mache mit. Die Motive kommen und gehen. Man kann nur einen kleinen Teil davon einfangen und fixieren. Die besten kann man sowieso nicht fotografieren.
Die Substanz meiner Fotos entsteht aus der Dramatik der Motive oder des Lebens selbst, seines absurden Wesens und nicht aus einer nachgestellten Situation. Jedoch locken mich manche seltsame Annäherungen und doppelsinnige Kompositionen wie jeden anderen Menschen mit einer Kamera in der Hand. Als Beispiel soll ein „Stillleben“ aus einer Vitrine des An- und Verkauf-Geschäftes dienen. Kitsch geht hier mit der Schönheit einher, Billigware mit dem Streben nach Höherem. Die Gesamtkomposition erscheint wie eine Parodie auf ein romantisches Stillleben.
 
Zweck der Kunst ist, sich dem Vergessen zu widersetzen. Kunst erhebt sich wie eine Mauer zwischen dem Menschen und dem Tod. Versucht das Faustproblem zu lösen – schafft und hält den Augenblick. Bei der Fotografie verwandelt sich die Mauer in einen Spiegel. In einen Spiegel, der unsere Alltagsszenen, bekannte Häuser, Landschaften, Gesichter einfängt. Mein Vater ist seit 42 Jahren tot. Aber er guckt mich von seinem alten Foto an, das bei mir im Schlafzimmer hängt. Er ist flink und heiter auf dem Foto. Alle seine Zeitgenossen sind schon alt geworden. Er hingegen genießt ewige fotografische Jugend.
Die Fotos selbst sind gar nicht ewig. Dank der Chemie, dank dem Sonnenlicht. Vierzig, fünfzig Jahre, höchstens siebzig, so kurz ist die Lebensdauer eines digitalen Fotos. Und es ist gut so. Die Unsterblichkeit der Bilder würde menschliche Sterblichkeit noch bitterer machen.
 
Die Fotografie, diese sich auf Jahrzehnte hinziehende Situation, dieser streuende aber niemals bis zu Ende gestreute Sand, dieses ewige Cheese-Lächeln, diese erstarrten Augen, Leute mit empor gezogenen Füßen, wegen falscher Perspektive fallende Häuser – all diese stillen Zeugen, der von uns weggehenden Realität verursachen Schmerz und Gereiztheit. Schmerz, wenn wir die Welten der Vergangenheit, unsere teuren Verstorbenen, verlorene Freunde, verlassene Häuser und Straßen unserer Kindheit sehen. Gereiztheit, wenn wir uns selbst betrachten.
Fotografie ist in gewisser Weise ein Gegensatz zur Kunst. Die Fotos zeigen, wie wir gealtert sind, wie die Zeit das Fleisch auffrisst. Die Fotografie ist objektives Zeugnis, dass die bekannte und gewohnte Welt nicht ewig ist. Dass sie sich ständig verändert, dass sie uns schon entglitten ist und bereits hinter uns liegt. Und wo sind wir? Wo sind sie alle?
 
Vor ein paar Monaten fragte ich einen erfahrenen Berliner Antiquar, wo man heutige Fotos kaufen und verkaufen kann. Die Antwort war einfach. Nirgendwo. Niemanden interessiert die Gegenwart. Zeitgenössische Fotografien  werden für die Leute erst in vierzig Jahren interessant. Heute verkauft man die Fotos, die vor vierzig Jahren oder früher gemacht wurden.
Das ist sehr symptomatisch. Unsere Realität ist für uns langweilig, weil wir denken, sie zu kennen. Aber in Wirklichkeit ist das größte Rätsel des Universums nicht das Leben auf dem Mars, sondern genau diese routinierte menschliche Realität, unsere uns nahe stehenden Leute, unsere Freunde, Feinde, unsere Epoche, wir selbst, unsere Körper. Du bist heute nicht derselbe, der du gestern warst. Alles rutscht ständig in die Vergangenheit, ins Nichts.
Beim Fotografieren lockt mich meistens genau dieser zeitliche Aspekt (und nicht der räumliche, farbige oder konstruktive). Zu beobachten, wie die Zeit den Raum frisst, ins Licht verwandelt – was könnte noch aufregender sein?
In das Objektiv sehend, gucken wir in die Zukunft. Der Fotograf bedeutet uns zu lächeln, weil er nicht die Zukunft mit dem Pessimismus der Tod-Geweihten infizieren will. Und trotzdem zeigen die Fotos unsere Melancholie.
 
Ich mag Farbfotografien. Aber noch interessanter finde ich das Licht und die Form der Schwarzweißfotografie. Das Licht ist die erste und die letzte Substanz. Die Zeit verwandelt langsam alles in Licht. Alles wird körperlos und beginnt zu leuchten. Menschliches Wesen ist auf der Schwarzweißfotografie nicht mehr als eine leuchtende Landschaft.
Die Form ist eine Hülle, eine Kruste, ein Chagrinleder, eine Schallplatte, auf der das Schicksal seine Spuren aufkratzt. Nicht immer angenehme Spuren. Die Falten, die Tränensäcke, die Altersflecken in den Gesichtern und in der Architektur die Schlaglöcher, Risse, Brüche, Einschüsse vom letzten Krieg und Graffiti, das alles sind Hieroglyphen, die die Zeit benutzt, um uns ihr endgültiges Urteil zu verkünden.
 
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Die Falten an sich interessieren mich aber nicht, sondern nur, wenn sie Charakter und Erfahrung der Menschen oder die Generationsschicksale widerspiegeln. Das gilt für ein Porträt der 95-jährigen Frau, die den ersten Weltkrieg, die Zerstörung von Köln im zweiten Weltkrieg, eine Evakuierung mit zwei Kindern nach Sachsen in Richtung Ost, Flucht vor der Front in Richtung West, Nachkriegshunger, fünf Geldentwertungen, Kaiserdeutschland, Weimarer Republik, Drittes Reich, DDR und BRD erlebte. Sie ist vor zwei Monaten in Chemnitz gestorben.
Das gilt auch für ein Porträt des 81-jährigen Mannes polnischer Abstammung. Das Waisenkind, das in einer jüdischen Chemnitzer Familie aufwuchs, wurde in die Hitler-Armee einberufen und in den Feldzug gegen Polen geschickt. Dann kämpfte er in der Ukraine und später noch weiter im Nordkaukasus. Auf dem Rückzug nach Deutschland hat er extrem blutige Ereignisse erlebt. Im April 1945 desertierte er mit Kameraden, wurde aber von der SS gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Durch Zufall überlebte er, wurde später entnazifiziert, danach  „kommunisiert“ und nach der Wende „kapitalisiert“, allerdings ohne Kapital. Er schrieb Memoiren, die kein Verlag veröffentlichen mag, weil sie zu bitter sind. Ich behaupte nicht, dass man das alles von den Falten der Porträts ablesen kann, aber mir ist klar: Dieses schöne 20. Jahrhundert hat wirklich einzigartige Spuren hinterlassen. Noch bemerkenswerter ist die, besonders bei Ostgesichtern, erkennbare Bitterkeit und die, für mich nicht immer verstehbare, Frustration.
 
Ich möchte niemanden und zu nichts überzeugen. Ich will von meinen Fotos selbst überzeugt werden – deswegen konstruiere ich nicht, sondern knipse in der Hoffnung, dass die Realität allein ihre irrationalen Eigenschaften zeigt. Und manchmal passiert es.
In den Augen des selbstsicheren, erfolgreichen Menschen merken wir überraschender Weise Angst, vielleicht ist es die Angst vor dem Innehalten. Bei einem anderen beobachten wir den Kampf der Körpermüdigkeit mit dem agilen inneren Geist. Das leere, verlassene Zimmer zeigt die Freude des Lichtes. Die Vitrine im Billig-Waren-Geschäft tendiert offensichtlich zur Romantik. Das Pferd guckt uns so menschlich an. Die Menschen auf dem Chemnitzer Markt sehen aber wie ermüdete Tragetiere aus. Das sich im Industriemuseum verlaufende Mädchen bringt uns - ich weiß nicht warum – die Hoffnung. Ein Programmierer versteht die Welt nicht. Ein ehemaliger Antikommunist ist nach der Wende rot geworden. 
Die menschenleeren Straßen des Sonnenbergs demonstrieren den provisorischen Sieg der Geometrie. Die Menschen strukturierten hier den Raum, aber die Zeit nahm das Ihre und fraß die Bewohner...  Die renovierten Häuse stehen leer. Ständiger Selbstbetrug und die falschen Motivationen gebären Monster.
 
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