Einblicke ins bigotte Sowjetsystem

Der ehemalige Chemnitzer Igor Schestkow legt eine literarische Zwischenbilanz vor

Igor Schestkow: Das Ende des Professors Tschesnokow

Es gibt in Deutschland eine kaum bekannte Subkultur jüdischer Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Dazu gehört der Schriftsteller und Fotograf Igor Schestkow, der nach seiner Ausreise 1990 auch einige Zeit in Chemnitz lebte. Mit dem Erzählungsband "Das Ende des Professors Tschesnokow" hat er jetzt eine umfangreiche Zwischenbilanz seines literarischen Schaffens vorgelegt. Das Buch gleicht einem Reiseführer in die alte Sowjetunion, ihre Bürokratie, ihren Unterdrückungsapparat und ihre Literatur. Es ist überreich an Metaphern, Fantasiefiguren, Geistern aus noch gar nicht lange verstaubten Kisten, die die Zensoren einst sicher vor Probleme gestellt hätten und manchen "gelernten DDR-Bürger" an die trickreichen Verschlüsselungen hiesiger Literatur erinnern werden. Dies ist ein Vorzug und ein Nachteil des Buches zugleich. Manchmal tragen die skurrilen Kostüme, in die der Autor seine Protagonisten steckt, auch heute noch, erinnern an die bizarren, dadaistischen Alltagsbeobachtungen eines Daniil Charms oder den fantastischen Realismus Michail Bulgakows. Manchmal aber wird die eigentliche Geschichte auch unter den Wassermassen samt Meeresungeheuern - wie in der Titelgeschichte - im wahrsten Sinne des Wortes begraben. Einer der besten Texte ist die von dem Chemnitzer Günter Saalmann übersetzte Erzählung "Tollwütiger Wolf", die auf besonders drastische Weise die Bigotterie zu Sowjetzeiten schildert. (MZ)

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