Ein Buch zum Hinschleudern und Wiederaufheben...

Günter Saalmann

Gedanken zu einer Lektüre

Knapp 400 Seiten. Wochen fürs Lesen. Einfach, weil es mal wirklich fast ausschließlich Texte enthält, von denen sonst die Werbung behauptet: Nur für starke Nerven. In Igor Schestkows Geschichtensammlung: „Das Ende des Professors Tschesnokow“ finden „Nerven“ bzw. „Gemüt“ bzw. „gesunder“ Verstand keinen Augenblick ein Verschnaufpause, und das ist nicht nur der abrupten, erschreckenden, oft gehetzt wirkenden, aber an jeder Stelle auf den Leser einwirkenden Sprache geschuldet. Nicht nur. Jede der über 30 Episoden führt uns in einen anderen schmutzigen Winkel der versunkenen Sowjetunion, auf die der Rezensent (und Übersetzer eines der Texte) so große Stücke hielt. Wir wussten es ja eigentlich: Bei jeder Gelegenheit kreiste die Wodkaflasche, Arbeiter, Verwaltungsangestellte, Offiziere, Sergeanten und Soldaten, „Parteiarbeiter“, ein späterer Präsident, selbst große und berühmte Schriftsteller erwiesen sich als Quartalssäufer, die Ausnüchterungszelle auf der Miliz war ein dem männlichen Teil der Bevölkerung wohlbekannter Ort, wir wussten von der Enge in den „Kommunalki“, den kommunalen Wohnungen, die Verspätungen auf Bahnhöfen und Flughäfen trieben dem ungewarnten Reisenden die Haare zu Berge, „Beziehungen“ waren das halbe Leben; im Bauwesen, in der „vaterländischen“ Produktion wurde geschlampt unterschlagen, verschoben und geklaut, Schlägereien waren allnächtliche Gewohnheit, schwerste Übergriffe in der Armee, der Zustand der öffentlichen Scheißhäuser (welches Wort sonst?) – usw, usw. Oje. Ja freilich, aber sie funktionierte ja irgendwie, die glorreiche UdSSR, von Moskau bis zu den fernsten Grenzen, von den südlichen Gebirgen bis zu den nördlichen Meeren, wie es im Lied hieß, sie hatte nach Bürgerkrieg, faschistischer Verwüstung und endlichem Sieg in rauchenden Trümmern gelegen, immer vital genug, um die stalinschen „Repressionen“ zu überwinden, ihre wiedererstandenen Städte pulsierten, ihre Basare quollen über von Früchten, keiner hungerte, Kinder lebten nicht in der Kanalisation, man wusste zu leben, (zu feiern), kniff das Papyrossy-Mundstück mit den (Gold-)Zähnen flach und machte erst mal Perekur, Rauchpause. Das alles nun ist das weite Feld von Schestkows Geschichten. Die Betonung, die Überbetonung liegt jedoch allemal auf den Schattenseiten des Daseins, er sucht, wie gesagt, die stinkenden Schauplätze des Riesenlandes auf. Er, der Autor, ist persönlich betroffen, selbst ein Emigrant aus jenem Leben, hat es angewidert von sich geworfen, wer sonst, wenn nicht er, wüsste Bescheid? Und doch hält der Rezensent, ein studierter DDR-Bürger, es kaum aus, solche Berichte zu lesen, Trauer über das Scheitern der großen gesellschaftlichen Vision kommt zum hundertsten Mal wieder hoch, keineswegs Häme, er nickt zustimmend, unter Tränen. In den meisten Geschichten ist das erzählerische Subjekt ein gewisser Mischa, nebenberuflich Ikonenmaler, hauptberuflich wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem nicht näher bezeichneten Institut, das irgendwie mit Rüstung und Weltraum zu tun hat. Selbst hier – Schlamperei, Vetternwirtschaft, Machtmissbrauch und Inkompetenz bei der von der Partei eingesetzten Leitung; auf der „unteren Ebene“ gebildete, fähige, aber naive Ingenieure und Techniker, Intelligenz, die sich einbringt, aufreibt – und scheitert. Überall: Denunziation, Karieredenken, trüber Sex. Das Afghanistan-Trauma. Und immer wieder kreisen die Gedanken um die für jüdische Mitbürger immerhin mögliche Ausreise aus dem ungeliebten Sowjet-Staat. Was drängt sich nach immer wieder unterbrochener, erneut aufgenommener Lektüre sonst noch ins Gedächtnis: Der unterschwellige Antisemitismus, ein oft zerstörerischer Selbsthass, Dutzende schockierender Alltagsepisoden, an Exhibitionismus reichende Erotik, Mord und Tod. Ekel gelegentlich. Und dann immer wieder das Entschweben der Phantasie in eine nicht mehr zu fassende, sozusagen kosmische Surrealität. Man denkt zugleich an Bulgakow, Nabokow, manchmal an Hemmingway, an den „dirty old man“ Charles Bukowski, ja, und gleichzeitig an Fasil Iskander und an den „neuen“ Ukrainer Andrej Kurkow. Und man denkt auch zurück an Wassilij Schukschin, der in allem verwandt und doch ein Gegenstück zu Schestkow ist: Auch bei ihm gibt es schlimmen gesellschaftlichen Unflat, böse Geschichten. Die aber doch durchsonnt sind von Sympathie für Leute und Land. Bei Schestkow auch: Liebe. Aber Hassliebe. Die Sprache ist bildreich und drastisch, in manchen Geschichten leider oft unzulänglich übersetzt. Zwar, der etwas Russisch-Kundige freut sich, denn an vielen Stellen entdeckt er im deutschen Text die 1:1 Entsprechung der Ausgangssprache, allzu wörtlich übersetzte Wörter und Wendungen. Zum Schluss hier eine Textpassage, die in Variationen beharrlich wiederkehrt und den Grundton des Buches ausmacht: „Ich wollte ihn nicht hören. Alles, was er sagte, war mir seit langem bekannt. Diese Kenntnis beflügelte mich nicht, sie bedrückte mich. Weil ich kein Held war. Ich hasste das „verfluchte Russland“ auch dafür, dass es mir ständig meine Feigheit demonstrierte. Dieser Staat zwang mich, nach seinen Regeln zu spielen. Niemals ließ er mich in Ruhe. Er war allgegenwärtig. Beherrschte das Bewusstsein. Es war schrecklich, diese widernatürliche Verbindung des Menschen mit dem Staat. Nicht wir lebten in ihm. Er lebte in uns. Wie ein dominierender Parasit. Ich hatte Mitgefühl mit den Dissidenten, aber zur Selbstaufopferung war ich nicht fähig. Das Einzige, was ich dem allmächtigen kommunistischen System entgegensetzen konnte, war meine Kunst und die böse Zunge. Meine Kunst war aber nicht gefragt. Die Moskauer Küchengespräche bedrückten mich. Manchmal weinte ich in der Nacht. Vor Hilflosigkeit.“ Dem ist nicht zu widersprechen. Leider.

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