Der seit 1990 in Deutschland lebende...

Wolfgang Schlott

Das Ende des Professors Tschesnokow

(Igor Schestkow. Das Ende des Professors Tschesnokow. Erzählungen. Berlin 2009, Pro BUSINESS)

Der seit 1990 in Deutschland lebende Schriftsteller und Kunsthistoriker, seit Beginn des 21. Jahrhunderts mit mehreren russischsprachigen Erzählbänden auf dem deutschen und russischen Markt vertreten, legt mit diesem Prosaband seine erste deutschsprachige Veröffentlichung vor. Nach seiner Meinung versucht er „nicht nur die sowjetischen Menschen, sondern überhaupt Menschen zu verstehen: ihr inneres Chaos, ihre absurden Motivationen und ihr tragisches Schicksal.“ (Klappentext) In den hier vorliegenden Erzählungen treten Protagonisten auf, die sowohl aus einer Ich-Perspektive ihre Realität beobachten und werten, als auch eine konsequente auktoriale Erzählerhaltung einnehmen. Beide narrative Haltungen bemühen sich um die Beschreibung von konfliktgeladenen Ereignissen und Erlebnissen, die den sowjetischen Alltag der 1970er und 1980er Jahre geprägt haben. Auffällig ist, dass sich hinter der Maske des Ich-Erzählers oft ein pubertierender Jugendlicher verbirgt, der seine Abscheu und sein Erstaunen über das Verhalten der Erwachsenen zum Ausdruck bringt, der sich auch in die Erlebniswelt seiner Bekannten und Freunde versetzt. Das Ergebnis dieser „Inkarnationen“ ist eine wachsende Distanz gegenüber pathologischen Merkmalen seiner Umwelt. In der Titelerzählung ist es ein gewisser Iwan Sysojewitsch Tschesnokow, ein eingefleischter Alt-Stalinist, der sich gegen jegliche Reformen wendet, die Perestrojka für unsinnig hält, seine Familie tyrannisiert, sich seinen egozentrischen Wahnvorstellungen hingibt und von schrecklichen Monstern im Traum zerfleischt wird. Dieses übel riechende Monster (tschesnok = Knoblauch), das den Vatersnamen Sysojewitsch trägt und damit auf den in den 1970er Jahren im sowjetischen Untergrund tätigen Karikaturisten Sysojew verweist, der schreckliche Betonköpfe als Abbild von Diktaturen zeichnete, erweist sich als abschreckende Inkarnation eines verbrecherischen Systems, das der auch in andere Personen schlüpfende Erzähler verabscheut. Egal, wer sich hinter diesen Masken verbirgt, KGB-Karierristen, unglückliche Ehefrauen, die sich an ihren Partnern rächen, indem sie sich Liebhaber halten, feige Staatsbeamte, die sich auf Kosten von kleinen Angestellten bereichern, ihre pathologischen Handlungsweisen werden mit schonungsloser Offenheit präsentiert. Ihre Ausdrucksweise greift den Slang der Umgangssprache auf. Sie ist voller Vulgarismen, die den Mat (Mutterfluch-Jargon) der Sowjetära widerspiegeln. Auch aus der Perspektive des auktorialen und personalen Erzählers gelingen dem Autor eine Reihe von deftigen Erzählskizzen, wie zum Beispiel „Kolja und Petja“. Zwei sich prügelnde Rotznasen, die ihre von den Erwachsenen erfahrene Brutalität und Aggressivität auf ihre Alltagsbeziehung übertragen. Ihre Sprechhandlung ist angereichert mit vulgären Ausdrucksformen, ihre körperlichen Gesten zeichnen den Frust über ihren langweiligen Alltag nach, ihre Aussagen über die sowjetische Schule symptomatisch für geistige Unterdrückung. Sie widerspiegelt sich übrigens in allen Prosaskizzen des Erzählbandes wider. Somit hinterlässt die Lektüre der 34 Texte eine Horrorvision, die der Einband mit einem Bildausschnitt aus Hieronimus Boschs „Das jüngste Gericht“, entstanden um das Jahr 1500, vermitteln soll. Der fehlende Bildnachweis ist an dieser Stell ebenso kritisch anzumerken wie auch eine Reihe von stilistischen Fehlern. Zumindest die zweite Anmerkung schmälert in keiner Weise den Erkenntnisgewinn nach dem Einblick in die alltäglichen Schrecken in einem Staat, dem der Autor noch vor dem Umbruch von 1991 entfliehen konnte.

Zurück