Schreckensbilder

Karlheinz Kasper
 
Igor Schestkow (*1956) arbeitete in Moskau an einem Forschungsinstitut und nahm an
Kunstausstellungen der Nonkonformisten teil, bevor er 1990 nach Deutschland emigrierte.
Seitdem lebt er in Berlin, stellt Zeichnungen und Fotoarbeiten aus, schreibt
kunsthistorische Texte und Erzählungen über die Deformationen, die der Mensch dem
gescheiterten Experiment des Aufbaus einer kommunistischen Gesellschaft verdankt.
Sein Prosaband Das Ende des Professors Tschesnokov aus dem Verlag Pro BUSINESS
enthält 34 Texte, von denen er zwanzig selbst übersetzt hat. Die Titelgeschichte handelt
von einem Wissenschaftler, der als Parteimitglied Karriere macht und Militäraufträge
ausführt. Er schwärmt für Stalin, betrachtet Sacharov als „Volksfeind“ und wirft
Gorbatschow vor, den Zerfall der UdSSR voranzutreiben. Bei einer Moskaureise wohnt
er bei seiner Tochter Galja. Ihr Mann ist Jude und Verfasser eines kritischen Romans.
Seine Eltern sind nach Israel ausgereist. Tschesnokow verhöhnt die jungen Leute, worauf
Galja eine Fehlgeburt hat. Um die Situation der Menschen unter der Sowjetherrschaft
zu beschreiben, bemüht Schestkow die Schreckensbilder des niederländischen Malers
Hieronymus Bosch. Er fällt ein vernichtendes Urteil über die sowjetische Ideologie
und die von ihr geprägte Lebensweise, die auch nach dem Ende der UdSSR noch
nicht verschwunden sei, seziert den „neuen Menschen“ und den Leichnam des „Sovok“.
Thematisch kreisen seine Erzählungen häufig um die Rolle der Sexualität im offiziellen
Sowjetsystem und im Diskurs der Parteiintelligenz, manchmal berühren sie die
erotische Seite der Kunst. Die Sprache des Erzählers und der Figuren ist hart und
direkt, zuweilen sogar grob. Krasse realistische Bilder des Alltagslebens, groteske
Szenen, verallgemeinernde Gleichnisse und surrealistische Überhöhungen bringen
den moralischen Appell des Autors in zugespitzter Form zum Ausdruck.

Zurück