Jerusalem im Februar

 

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Fotos von Igor Schestkow

Fotogalerie Friedrichshain, Berlin, 20.12.2007

Laudatio vom Herrn Michael Nungesser

 

Die richtigen Worte zur heutigen Ausstellung zu finden, fällt mir nicht leicht. Trotzdem hoffe ich, sie ein wenig auf das zu Sehende einstimmen zu können. Meine Schwierigkeiten rühren daher, dass der ausstellende Fotograf Igor Schestkow und sein Werk, das in Berlin den meisten wohl noch nicht bekannt ist und hier auf Grund der räumlichen Begrenzung nur in einem kleinen Ausschnitt zur Ansicht kommt, nur schwer mit wenigen Worten erfasst werden können. Schestkow ist ein vielseitiger Künstler, der auch selbst einleuchtend und phantasievoll über Fotografie und über das eigene Leben zu schreiben weiß – schauen Sie auf seine Internetseite. Er hat ein umfangreiches Lichtbildwerk geschaffen, das nun mit „Jerusalem im Februar“ gleichsam als pars pro toto zu sehen ist. Auf Anderes werde ich noch hinweisen. Doch zuerst möchte ich den unter dem Künstlernamen Schestkow-Epstein arbeitenden Fotografen biographisch kurz vorstellen.    

Igor Schestkow wurde 1956 in Moskau geboren. Er studierte an der Lomonossow-Universität Mathematik und Mechanik. Auf privater Ebene beschäftigte er sich mit klassischer und moderner Malerei. Während er dann als Wissenschaftler am Universitätsinstitut für Mechanik arbeitete, nahm er an inoffiziellen Kunstausstellungen teil. Doch gab er schließlich 1988 die wissenschaftliche Tätigkeit zugunsten der bildenden Kunst auf und wurde freischaffender Maler und Restaurator. Zwei Jahre später emigrierte er nach Deutschland, seit 2000 ist er deutscher Staatsbürger. Lange Zeit wohnte er in Chemnitz, wo er auch mehrfach ausstellte. Jetzt lebt er in Berlin und widmet sich hauptsächlich der digitalen Fotografie in Schwarzweiß. Er lehnt Farbe nicht ab, aber interessanter findet er „das Licht und die Form der Schwarzweißfotografie. Das Licht ist die erste und die letzte Substanz. Die Zeit verwandelt langsam alles in Licht. Alles wird körperlos und beginnt zu leuchten“.

Auch Schestkows fotografische Arbeit spiegelt sein Interesse für bildende Kunst und Kunstgeschichte wieder. So zeigt die Serie „Kunst Impressionen“ Aufnahmen antiker Skulpturen. Sie verdeutlicht zugleich auch seine Hinwendung zum Menschen als zentralem Thema. Die Geschöpfe aus Stein – Köpfe, Torsi, Ganzfiguren, Akte, gesehen meist aus nächster Nähe, in intimen Ausschnitten und Details, gewinnen aus seiner Sicht an Leben, ja strahlen eine fast anrührende Sinnlichkeit aus. An dieser Stelle möchte ich noch einflechten, dass Schestkow Kunst nicht nur fotografiert, sondern sich ihr auch auf literarischer Ebene annähert. So hat er sowohl über große Meister der Vergangenheit wie den Maler Lukas Cranach und den Bildschnitzer Peter Breuer, aber auch über herausragende Künstler der Moderne wie Marc Chagall und Yves Tanguy geschrieben, einschließlich Zeitgenossen wie Carlfriedrich Claus und Fritz Schönfelder und den russischen Maler Michail Schwarzman. Als Publikation im Selbstverlag erschien unter anderem „Dürers Melancholie mit den Augen eines Russen“.  

In Schestkows gesamten Fotozyklen steht der Mensch im Mittelpunkt, auch wenn die Titel der Serien verschiedene Weltmetropolen benennen – neben dem Jerusalem unserer Ausstellung stehen San Francisco, Berlin, Istanbul, Moskau und Chemnitz. Bilder aus Städten, Bilder aus der Welt. Der Immigrant aus Moskau findet keine Ruhe. Die Neugierde treibt ihn, die Suche nach Leben, nach gelebtem Leben, nach seinen Verwicklungen und Ungereimtheiten, nach seinen Höhen und Tiefen. Schestkow schreibt: „Die Immigration verwandelt einen Menschen gegen seinen Willen in einen ewigen Touristen. Ich habe mich mit der Rolle des oberflächlichen Beobachters abgefunden.“

        Betrachtet man seine Fotografien, spürt man, dass er nur die halbe Wahrheit sagt. Denn Schestkow vermag sehr wohl unter die Oberfläche zu schauen, soweit man dazu als im wahrsten Sinne vorübergehender Gast in der Lage ist. „Ich liebe eine schlichte Fotografie. Meine Fotos sind nicht gestellt, nicht konstruiert. Sie sind keine Design-Objekte, sondern direkte Porträts der fließenden Realität. Ohne Anspruch auf Objektivität.“ Schestkow sucht nicht die Sehenswürdigkeiten einer Stadt, nicht die Vitalität vortäuschende Menschenfülle großer Einkaufsstraßen oder die Idylle suggerierenden lauschigen Altstadtwinkel, er schaut vor allem auf die Gesichter – die Gesichter von Menschen, Häusern, Fassaden, Mauern, Straßen und Schaufenstern – schaut auf die Spuren in den Gesichtern, die von der verrinnenden Zeit zeugen, von Erlebnissen, bitteren und süßen, unvergesslichen und geisterhaft flackernden, von Sehnsüchten und Hoffnungen. Wie kraftvoll gerade das menschliche Antlitz sein kann, wie ausdrucksstark, mitteilsam, offen, in seiner Menschlichkeit überwältigend, zeigen die Bilder vor allem von Schwarzen aus San Francisco, wie glatt, leer, verstellt, stumpf und eitel offenbaren die Bilder einer zweiten Berlin-Serie, die die Loveparade zum Inhalt hat.

Vergleicht man die Fotos aus den genannten Städten untereinander, fallen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf, aber eine Stadt dürfte trotz allem einzigartig sein: Jerusalem. Ich zitiere Schestkow: „Der Fotograf, ein aus Moskau stammender Berliner, versuchte die heilige Stadt und seine Bewohner direkt und ehrlich darzustellen. So realistisch wie möglich. Es war nicht einfach – in der Stadt, wo niemand außer den Steinen sich freiwillig fotografieren ließ, wo niemand einander traut. Schon seit Jahrtausenden.“ Schestkow hat vor allem die Altstadt aufgenommen, deshalb die Enge, die Nähe, die Anspannung in den Gesichtern. Menschen, Mauern, Innenräume, Kerzenschein, Regenschirme –  Jerusalem im Februar. „Obwohl ich in Moskau geboren wurde und in Berlin lebe“, so die Worte des Fotografen, „bleibt Jerusalem meine geistige Heimat, der Platz, zu dem ich mich ständig hingezogen fühle.“ Schestkow war zwei Mal dort, 2005 und 2007. Damals sind diese Aufnahmen entstanden. Entstanden also im Heute, enthalten sie doch auch das Erbe vergangener Zeiten.

                Über Jerusalem, die Stadt dreier großer Weltreligionen, vermag ich sicher nichts sagen, was Sie nicht schon wüssten. Ich habe sie noch nicht besucht, aber die Fotografien von Schestkow führen sie uns vor Augen – auch vor ein inneres Auge, das Dinge sieht, die weit unter dem Sichtbaren liegen und Ahnungen hervorrufen, die Unruhe stiften. Auch hier verweise ich auf ein Zitat des Fotografen, denn er weiß, was er tut: „Meine Suche nach dem zeitlichen Aspekt der Realität ist keine Fotodokumentaristik, die den Zeitgeist in den Bildern fixieren will. Mich interessieren eher die Geister, die uns schon verlassen haben und die, die noch nicht gekommen sind, aber deren zukünftiges Dasein schon spürbar ist.“

                Schestkows Vorstellung von Jerusalem beginnt mit dem Raum, der Landschaft, der Architektur, mit Tag und Nacht. Blickt der Eintretende auch zuerst auf einen professionellen Erzähler jüdischer Geschichten, der behutsam von seiner Umgebung abgehoben ist – hier erkennt man auch deutlich, dass Schestkow viele Aufnahmen digital bearbeitet hat –, weitet sich der Blick an den Seitenwänden, und wir schauen in die sich verjüngenden Gassen und Bogendurchgänge von Altjerusalem, erkennen das Jaffator am Abend, blicken schließlich über den jüdischen Friedhof am Ölberg, der schon zu Christi Zeiten dort angelegt war, und lesen in den steinernen Zeilen der hoch aufragenden, Atem beraubenden Stadtmauer – kein städtisches, gar profanes Bollwerk, sondern ein beredtes Anschauungsobjekt skulpturaler Geschichtsschreibung.

                Auch hier im Hauptraum steht eine Mauer, direkt oder indirekt, im Zentrum: die Klagemauer. In einigen Fotos tauchen ihre mächtigen Quader auf, Gläubige wenden sich ihr zu, berühren sie, wie viele vor ihnen und viele nach ihnen – seit Urzeiten. Ein paar Utensilien verweisen auf das Heute – eine Jacke, ein Plastikstuhl, ein Maschinengewehr – moderne Dinge, nützliche Dinge, hässliche Dinge – nichts, was wirklich neu wäre. Die Klage vollzieht sich unter Gefahr, zwischen Leben und Tod passt oft kaum ein Seufzer. Neben den vielen Szenen mit Menschen in unmittelbarer Nähe der Klagemauer, die beten oder sich unterhalten, neben den Frommen und den Flaneuren, den alten Männern mit Bärten und den Gruppen der Kinder finden sich auch Soldaten, junge Rekruten, die zum Alltag gehören, die man sich wegdenken möchte, die aber Sinnbild sind für die schmerzvolle Realität.

                Weniger angespannt ist die Szene mit den auf einer Bank sitzenden Soldaten der israelischen im Zwischenraum der Galerie, und fast heiter wirken die Seilspringen spielenden Mädchen daneben; doch weit ist das Seil gespannt auf schiefer Ebene, und das durchs Mauerwerk dringende schmale Fensterraster schiebt sich merklich bedrohend von oben ins Bild. Andere Fotos zeigen Fragmente des Haupteingangs und das Innere der Grabeskirche mit dem Stein der Salbung, den Schrein um das Grab Christi, den Altar am Golgatha mit einer betenden Nonne. Eindrucksvoll sind die liturgischen Geräte und die bildlichen Darstellungen, mehr aber noch die Nahaufnahmen von Steinen und Säulen, deren Verformungen und Einritzungen von der Last und den Wunden der Geschichte sprechen, ihren Spuren und Botschaften, die sich hier ablagern und eine ganz eigene Bildlichkeit entwickeln.             

Der letzte Raum ist vor allem dem muslimischen Viertel Jerusalems gewidmet. Hier taucht der Felsendom auf, dessen goldene Kuppel ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt darstellt. Mehrere Fotos zeigen Menschen auf der Straße, Gesichter von Frauen mit Kopftüchern, von Familien und Kindern, vom Markt mit seinem Getriebe und mittendrin ein Hügel aus Zitrusfrüchten und Süßigkeiten unter einem Schirm mit Coca-Cola-Werbung. Dazwischen hängen Aufnahmen von einem antiken Kapitell, dem Grab des Zacharias im Joschafat-Tal und den dornigen Blättern der Heilpflanze Aloe – allesamt Mosaiksteinchen für ein Bild von der Stadt der Städte, der heiligen Stadt, in die Pilger gehen aus der ganzen Welt auf der Suche nach ihren religiösen Wurzeln. Schestkow schreibt: „Jerusalem betrachte ich auch als eine Art Metapher. Für die Menschheit, für den Platz, wo Menschen zusammen leben müssen.“ Die Menschen geraten ins Blickfeld des Fotografen, gehen an uns vorbei, schauen uns an, zum Gegenüber oder in die Ferne – selten gelöst. Die Mauern, sichtbare und unsichtbare, bergen und trennen zugleich. Jerusalem nimmt gefangen. Wird die Menschheit sich einmal frei machen im Miteinander und in Anerkennung des Anderen?

 

 

 

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