Horrorfilm Glasnost

 
 
 
Reinhard Lauer

Horrorfilm Glasnost

Igor Schestkows bissige Blicke auf Russland

Die achtziger Jahre brachten der Sowjetunion den Wechsel von Breschnjews Stillstand zu Gorbatschows Perestrojka und endlich den Zerfall der Union. In der westlichen Welt kam eine Begeisterung für "Gorbi" und seine Reformen auf, die mit dem Obama-Kult dieser Jahre vergleichbar ist. Wie wenig die tatsächlichen sowjetischen Verhältnisse den damaligen Illusionen entsprachen, versucht der russisch-jüdische Autor Igor Schestkow in seinem Erzählband aufzuzeigen. In vierunddreißig pointierten Kurzgeschichten führt er den Leser in eine Welt, in der niedriges menschliches Handeln, grobes Fluchen, krasser Sexismus und Alkoholexzesse an der Tagesordnung sind.

Meist sind die Texte zweiteilig komponiert und warten mit überraschenden Wendungen auf. Der Autor, der die Ich-Erzählung bevorzugt, zeigt die beengten, bedrückenden Wohnverhältnisse und schreckt nicht vor drastischen Schilderungen von Tierquälerei, Homo- und Pädophilie oder sogar Kannibalismus zurück. Oft wendet er die Erzählungen ins Surreale und Phantastische, oder er bringt ein Motiv, etwa die Begegnung mit einem tollwütigen Wolf, in drei Varianten – als Kind, als Jugendlicher und in Afghanistan. Vieles hat wohl einen autobiographischen Hintergrund: Kinderstreiche, pubertäre Erregungen, Erlebnisse in Moskau und im Kaukasus, ja der eigene Tod: Er erlebt, wie er erst in einen Schmetterling, dann in eine Silbertaube verwandelt wird und auf den Mond fliegt, wo er sich in einer Spalte zwischen grauen Felsen verbirgt.

Schestkow, 1956 in Moskau geboren, seit 1990 in Deutschland lebend, war hier bisher als Kunstschriftsteller bekannt. Seine grellen, ausschweifenden Geschichten sind nichts für feinsinnige Gemüter; den abgebrühten Leser freilich dürften sie nicht zuletzt auch wegen ihrer stilistischen Brillanz faszinieren.

Der Klappentext warnt: "Schestkow wendet sich in seiner Prosa nur an den erwachsenen Leser."

 

FAZ

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