Etwas scheinbar Unscheinbares

 
 
tl_files/template_sichov/Fotografie/austellungsposter_glucker-schestkow.jpg
 
Ausstellung „Mensch und Menschlich“
Gisela Glucker - Gebaute Bilder
Igor Schestkow - Fotografie
Galerie Brandmatt, Baden-Baden, 13.06.2013
Laudatio von Frau Michaela Buchheister Chefredakteurin ARTPROFIL (Auszug):
 
 "Mensch und Menschsein" – wie gesagt, das Motto der heutigen Ausstellung - beinhaltet all das, was uns ausmacht, mit ihrer Vielfalt vom Leben, vom Sein. Wenn auch auf ganz unterschiedlichem Weg. Und dieser Kontrast zwischen den zwei Künstlern heute hier, der dennoch das gleiche Ziel hat, nämlich eine Identität zu schaffen, ist bewusst gewählt.
 
Hier im vorderen Raum sehen Sie Bilder, Fotografien des russischen Künstlers, Fotografen und Schriftstellers Igor Schestkow. Igor Schestkow, 1956 geboren, ist eigentlich studierter Mathematiker und emigrierte 1990 als jüdischer Flüchtling nach Deutschland. Bis 2003 wohnte er in Chemnitz danach in Berlin. In Deutschland zeigte er seine grafischen und fotografischen Arbeiten in verschiedenen Personalausstellungen, von 1996 bis 2003 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Schestkow-Epstein zahlreiche Essays über Kunst. Seit 2003 schreibt er Erzählungen. Seine literarischen Arbeiten wurden in russischsprachigen Zeitschriften unter anderem in New York, Moskau, Berlin, Frankfurt am Main und Sankt Petersburg herausgebracht.
Seine Bilder wirken sehr dokumentarisch, was sie auch sind, aber eben nicht nur. Schestkow geht weiter darüber hinaus. Das Abbilden dessen, was ist - der Alltag, Personen, das Mensch-Sein in seiner gewohnten Umgebung -  wird hier in scheinbarer Gleichgültigkeit gezeigt. Nichts wird hinzugearbeitet, die Bilder auch nicht nachbearbeitet. Obwohl digital fotografiert, könnten es genauso gut analog aufgenommene Bilder sein. Wir sehen ein älteres Ehepaar, lächelnd für und in die Kamera, junge Männer auf dem Weg zur Arbeit vielleicht? Oder hier ein Treff von Freundinnen in einem Café. Das Auffällige bei diesen Werken ist das scheinbar Unscheinbare. Die scheinbar objektive Ablichtung seiner Menschen wird plötzlich sehr persönlich, fast intim. Wenn die junge Frau hier plötzlich wie selbstvergessen mit ihrer Hand ihr Haar zurückstreicht, entsteht eine neue Situation. So unscheinbar, so natürlich sie auch ist, desto näher bringt sie uns, als Betrachter in die Situation der vier jungen Frauen. So, als ob die Kamera nicht da sei. Ein vielleicht trostloser Alltag wird durch die Nähe zu Freundinnen gar nicht mehr trostlos, sondern warm und hell.
Die Furchen und Falten der älteren Frau, die sinierend an der Kamera vorbeiblickt, ins Leere schaut, ist ein ganzes Kompendium von Gefühlen, von Erfahrungen, bitter, schön, intensiv, hart – und in jedem Fall prägend. Was uns hier rührt, ist die Summe von Weisheit, dass aus diesem Gesicht spricht. Sehr behutsam, sehr weich sind sowohl die Aufnahme als auch das Porträt selbst. Und hier liegt das kleine, große Geheimnis, des richtigen Blickes für etwas, was Menschsein bedeuten kann: Die Realität ist so vielgestaltig, dass sie kaum zu fassen ist. Realität ist mehr als das, was wir sehen und fühlen. Es gibt immer ein ABER bei allem Glück, oder anders formuliert, es gibt immer etwas scheinbar Unscheinbares, was das Aber relativiert.  
...

Zurück